Landnahme
Autor: Christoph Hein | Erschienen: 2004 | Verlag: Suhrkamp Verlag | Ort: Frankfurt a. M. (zitiert nach der
Ausgabe von 2016)
Der Roman erzählt die Geschichte des als Kind vertriebenen Bernhard Haber, der 1950 mit seinen Eltern nach
Sachsen zurückkehrt und dort mit Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung konfrontiert wird. Aus fünf
unterschiedlichen Perspektiven wird geschildert, wie Bernhard trotz Anfeindungen, dem mutmaßlichen Suizid
seines Vaters und gesellschaftlicher Isolation zu einer einflussreichen Persönlichkeit seines Umfelds aufsteigt.
Hein reflektiert damit Heimatverlust, Integration und die Mechanismen von Ausgrenzung in der deutschen
Nachkriegsgesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
– Übersicht
Handlung
– Prolog
– Thomas Nicolas
– Marion Demutz
– Peter Koller
– Katharina Hollenbach
– Sigurd Kitzerow
– Epilog
– Aufbau
Charakterisierung
– Bernhard Haber
– Thomas Nicolas
– Marion Demutz
– Peter Koller
– Katharina Hollenbach
– Sigurd Kitzerow
Stil
– Erzählperspektive
– Stilmittel
Kontext
– Geschichtlicher Hintergrund
– Rezeption
Interpretation
– Heimat
– Fremdenfeindlichkeit
– Gesellschaftskritik
1
,Übersicht
Landnahme von Christoph Hein behandelt die Rückkehr einer vertriebenen Familie nach Deutschland. Der
Roman wurde 2004 vom Suhrkamp-Verlag veröffentlicht. Als Kind wird Bernhard Haber im zweiten Weltkrieg
zwangsumgesiedelt. Nach dem Untergang des Dritten Reichs kehrt er mit seinen Eltern im Jahr 1950 nach
Sachsen zurück. Hier wird die Familie mit extremen Anfeindungen und Fremdenhass konfrontiert. Auch
Bernhard wird in der Schule in eine Außenseiterrolle gedrängt. Die Misshandlungen reichen so weit, dass sich
sein Vater angeblich selbst das Leben nimmt. Wie es dazu kam, dass Bernhard später trotz allem zu einer der
einflussreichsten Persönlichkeiten seines Umfelds wird, erzählt der Roman aus fünf unterschiedlichen
Perspektiven.
Handlung
Prolog
Der erste Teil des Romans Landnahme besitzt zwar keine eigene Kapitelüberschrift, er dient mit dem Setting in
der Karnevalszeit als Einführung in die Handlung und damit als Prolog. Er behandelt die Übergabe des
Stadtschlüssels vor dem Rathaus Guldenberg an die Karnevalisten. Bei dem Ereignis treffen alte
Schulkameraden aufeinander.
Infos
Seiten: 7-14
Zeit: Beginn der Karnevalszeit (November 1997)
Ort: Stadt Guldenberg (DDR)
Personen: Sigurd Kitzerow, Bernhard Haber („Holzwurm“), Thomas Nicolas („Pillendreher“),
Karnevalisten
Inhalt
Auf dem Marktplatz der Kleinstadt Guldenberg wird der Auftakt zur Karnevalssession gefeiert. Auf
einem Podest stehen vier ältere Herren, die eine wichtige Rolle in der Stadt spielen. Einer von ihnen ist
der Bürgermeister und überreicht dem eintreffenden Karnevals-Prinzenpaar den Schlüssel zum Rathaus.
Damit wird die Karnevalszeit eingeläutet, die Narren beherrschen ab diesem Zeitpunkt symbolisch die
Stadt und ziehen feiernd durch die Straße.
Bernhard Haber ist einer der wichtigen Männer auf dem Podest. Als der Karnevalszug sich vom
Marktplatz entfernt, ist er dafür zuständig, das Sprechermikrophon auf der Tribüne abzubauen. Während
Bernhard mit dieser Aufgabe beschäftigt ist, wird er von einem älteren Herrn angesprochen, der ihn
„Holzwurm“ nennt. Der Mann stellt sich Bernhard zunächst als „Pillendreher“ vor, dann erklärt er
ihm, dass sie in der Grundschule Banknachbarn gewesen wären und sein Name Thomas Nicolas ist.
Bernhard kann sich an Thomas zwar nicht erinnern, er beginnt trotzdem ein Gespräch mit ihm. Thomas
erzählt, dass er Guldenberg eigentlich verlassen hat, während der Karnevalszeit allerdings zu Besuch sei.
Seiner Meinung nach hat sich die Kleinstadt zwar verändert, allerdings sei sie dabei noch kleiner
geworden.
Bernhard wimmelt Thomas nach dieser Äußerung ab. Da er mit der Organisation des Karnevalszugs sehr
beschäftigt sei, müsse er gehen.
Während Bernhard das Podest verlässt und dem Karnevalszug hinterhergeht, schaut er noch einmal über
seine Schulter: Thomas steht nach wie vor auf der Tribüne auf der Rathaustreppe und lächelt.
Thomas Nicolas
2
,Das erste Kapitel erzählt aus der Sicht von Thomas Nicolas, wie der Protagonist Bernhard Haber als neuer
Schüler in der Grundschule der Stadt Guldenberg aufgenommen wird. Außerdem wird behandelt, wie die
Rückkehr der im zweiten Weltkrieg vertriebenen Familie Haber von der Gesellschaft verarbeitet wird.
Erster Schultag
Infos
Seiten: 15-22
Zeit: 5 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs (1950), die DDR wurde vor einem Jahr gegründet Ort:
Kleinstadt Guldenberg (DDR), Klassenzimmer der Grundschule
Personen: Fräulein Nitzschke (Klassenlehrerin), Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Herr Voigt
(Mathelehrer), Willy
Inhalt
Thomas Nicolas und seine Mitschüler bekommen im angehenden Schuljahr von ihrer Klassenlehrerin,
Fräulein Nitzschke, einen neuen Mitschüler vorgestellt. Sein Name ist Bernhard Haber, er ist schüchtern
und kann seinen Namen zuerst nur ganz leise und unverständlich aussprechen. Die Klasse ist daran
gewöhnt, dass sie regelmäßig neue Mitschüler bekommt, denn ihr Ort ist nach Ende des zweiten
Weltkriegs verpflichtet, vertriebene Menschen aus Pommern und Schlesien aufzunehmen. Daher
erkennen die Grundschüler auch sofort am Dialekt von Bernhard, dass er aus dem „Ostblock“
Deutschlands stammen muss.
Thomas weiß, dass die Zugezogenen in der Gesellschaft von Guldenberg nicht akzeptiert werden. So
wird gehofft, dass die Umsiedler bald wieder weiterziehen, denn die Stadt hat selbst noch mit den
Zerstörungen (es fehlt an Geld und Baustoff, um zerstörte Häuser wieder aufzubauen) und Verlusten (es
fehlt an Fachmännern für den Wiederaufbau der Stadt) des Kriegs zu kämpfen.
Die Zurückhaltung von Bernhard wird in der Klasse verspottet, Fräulein Nitzschke muss für Ruhe sorgen
und wiederholt den Namen des neuen Schülers noch einmal, ehe sie ihn an ihren Lehrerpult setzt, da
kein anderer Platz im Klassenzimmer frei ist. Bernhard sitzt damit vor allen Schülern (in einer
angreifbaren Position), wird angestarrt und als „Polacke“ beschimpft.
In der Mathestunde liest der Lehrer Voigt im Klassenbuch, dass Bernhard zwar schon 10 Jahre alt ist,
aber trotzdem in die dritte Klasse kommt. Er schließt daraus, dass er ein schlechter Schüler sei. Vor den
anderen Schülern fängt Herr Voigt an, Bernhard über seine Vergangenheit auszufragen: → Hast du
Eltern? - Bernhard bejaht
→ Was arbeitet dein Vater? - Bernhard entgegnet: Im Moment nichts.
→ Was hat dein Vater gelernt? Bernhard entgegnet: er ist gelernter Tischler (heute: Schreiner). →
Warum hat er noch keine Anstellung? Ist er faul? - Bernhard ist sichtlich gekränkt. → Aus welcher Stadt
kommt ihr? - Bernhard entgegnet Breslau, der Lehrer korrigiert aber, dass diese Stadt nicht mehr Breslau,
sondern nach dem Krieg Wroclaw heiße und nicht mehr zu Deutschland gehöre.
⇒ Der Lehrer zeigt in dieser Szene rassistische Züge. Er versucht, Bernhard mit seinem Geburtsort in Polen zu
demütigen, und bedient Klischees.
Bernhard lässt alle Kommentare von Herrn Voigt über sich ergehen, nur besteht er darauf, in Breslau
(einer deutschen Provinz in Polen) geboren worden und damit deutschstämmig zu sein. Der Lehrer weist
Bernhard für diesen Einwand zwar zurecht, hört aber damit auf, ihn auszufragen und fährt stattdessen mit
dem Unterricht fort.
In den folgenden Tagen entwickelt sich Bernhard schnell zum Außenseiter. Thomas bemerkt am
Schulranzen (ein Flickenbeutel) des neuen Mitschülers, dass seine Familie sehr arm sein muss. Am
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, dritten Schultag kickt einer der Schüler (Willy) zu Beginn des Unterrichts Bernhards Schultasche
böswillig durch das Zimmer. In der Pause nimmt Bernhard diesen Schüler in den Schwitzkasten bis
dieser jammert. Von diesem Moment an traut sich keiner der Mitschüler mehr, sich Bernhards
Schultasche zu nähern.
Bernhards Geschichte
Infos
Seiten: 22-37
Zeit: 5 Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs (1950), die DDR wurde vor einem Jahr gegründet Ort:
Kleinstadt Guldenberg (DDR)
Personen: Fräulein Nitzscke (Klassenlehrerin), Thomas Nicolas, Bernhard Haber, Bernhards Eltern,
Bauer Griesel, Tinz (Bernhards Hund)
Inhalt
In einem geistigen Monolog erzählt Thomas die Geschichte der vertriebenen Familie Haber nach. Der
Vater von Bernhard ist ein Kriegsinvalide, dem aufgrund eines Unfalls der rechte Arm fehlt. Er ist
gelernter Tischler, findet aufgrund seiner Behinderung allerdings keine Anstellung.
Die Familie Haber ist in Guldenberg auf dem Hof von Bauer Griesel untergekommen. Dort kann der
Vater nach mehreren Monaten der Erwerbslosigkeit unter der Leitung des Bauers die Holzarbeiten, die
auf dem Hof anfallen, erledigen. Dabei spannt der Vater auch Bernhard ein, der bei sämtlichen Aufgaben
in der neu eingerichteten Werkstadt des Vaters hilft.
Bernhard ist in der Schule ehrgeizig, kann aber trotz seines Alters nicht mit seinen Mitschülern mithalten.
Er lernt sehr langsam, kann keine Gedichte auswendig lernen und versagt in den Fächern zu
Fremdsprachen völlig.
Bernhard findet in der Klasse keinen Anschluss. Auf dem Schulhof stellt er sich meistens zu einem
älteren Schüler, der ebenfalls aus einer Familie von Aussiedlern stammt. Die Ausgrenzung geht sowohl
von der Schulgemeinschaft wie auch von Bernhard selbst aus. Er meidet den sozialen Kontakt zu seinen
Mitschülern, die sich bald nicht mehr trauen, ihn anzusprechen.
Als Bernhard eines Tages mit einem Hund in die Schule kommt, ist er aufgrund des Tiers kurzzeitig
beliebt unter den Schülern. Allerdings wird ihm erst vom Hausmeister und dann vom Schulleiter
verboten, Tinz weiterhin mit in die Schule zu nehmen.
Es vergehen einige Jahre. In dieser Zeit kann sich der Vater von Bernhard mit seiner Werkstadt zwar
einen eigenen Kundenstamm aufbauen, die Familie kann in der Gesellschaft trotzdem nicht integriert
werden. Sie wird ausgegrenzt, verspottet und beleidigt.
Bernhard wird im sechsten Schuljahr im Klassenzimmer neben Thomas gesetzt. Thomas versucht
mehrmals, das Gespräch mit Bernhard zu finden, allerdings scheitert er an dessen in sich gekehrter Art.
Thomas wundert sich nicht, dass Bernhard nicht integriert werden kann: Er weiß, dass es vielen
Aussiedlern in Guldenberg so geht wie Bernhards Familie. Die Einwanderer aus Russland und Polen
seien faktisch zwar deutsch, aber „eine andere Art von deutsch“ und damit völlig fremd. In der Stadt
würden sie außerdem häufig in Schlägereien verwickelt und lieber für sich bleiben. An Bernhards
Beispiel sieht Thomas die Vorurteile gegenüber den Fremden bestätigt.
Der Brand
Infos
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