Heimsuchung
Autorin: Jenny Erpenbeck | Erschienen: 2008 | Verlag: Reclam | Ort: Stuttgart (zitiert nach der Ausgabe von
2024)
Der Roman erzählt anhand eines Hauses am märkischen See in Brandenburg die deutsche Geschichte des 20.
Jahrhunderts vom Kaiserreich über Nationalsozialismus und DDR bis zur Nachwendezeit. Verschiedene
Bewohner – darunter eine jüdische Familie, Vertriebene und DDR-Flüchtlinge – kommen und gehen, während
das Haus stummer Zeuge ihrer Schicksale bleibt. In poetischer, verdichteter Sprache verbindet Erpenbeck
individuelles Leid mit kollektiver Geschichte, Heimatverlust und Vergänglichkeit.
Inhaltsverzeichnis
– Übersicht
– Aufbau
Inhalt
– Prolog
– Der Gärtner
– Der Großbauer und seine vier Töchter
– Der Gärtner
– Der Architekt
– Der Gärtner
– Der Tuchfabrikant
– Der Gärtner
– Die Frau des Architekten
– Der Gärtner
– Das Mädchen
– Der Gärtner
– Der Rotarmist
– Der Gärtner
– Die Schriftstellerin
– Der Gärtner
– Die Besucherin
– Der Gärtner
– Die Unterpächter
– Der Gärtner
– Der Kinderfreund
– Der Gärtner
– Die unberechtigte Eigenbesitzerin
– Epilog
Interpretation
– Heimat
– Schuld
– Natur
– Gesellschaft
– Kontext und Zeit
– Motive und Symbole
Stil und Sprache
1
,– Erzählweise
– Sprache
Charakterisierung
– Der Architekt
– Die Frau des Architekten
– Das Mädchen
– Der Gärtner
– Der Großbauer und seine vier Töchter
– Der Tuchfabrikant
– Der Rotarmist
– Die Schriftstellerin
– Die Unterpächter
– Der Kinderfreund
– Die unberechtigte Eigenbesitzerin
2
,Übersicht
In dem Roman Heimsuchung von Jenny Erpenbeck, erstmals 2008 erschienen, steht ein Haus am märkischen
See in Brandenburg im Mittelpunkt, das im Laufe des 20. Jahrhunderts zahlreiche Besitzerwechsel erfährt.
Erpenbeck erzählt anhand dieses Hauses die deutsche Geschichte vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus
und die DDR bis hin zur Nachwendezeit. Verschiedene Bewohner kommen und gehen, bauen das Haus um und
hinterlassen ihre Spuren. Durch die wechselnden Perspektiven und Schicksale, darunter jüdische Eigentümer,
Vertriebene und DDR-Flüchtlinge, reflektiert die Autorin Themen wie Heimatverlust, Identität und
Vergänglichkeit. Stilistisch zeichnet sich der Roman durch eine poetische, verdichtete Sprache und symbolische
Bilder aus. Erpenbeck macht sichtbar, wie politische und gesellschaftliche Umwälzungen im Privaten tiefe
Spuren hinterlassen. Nicht nur menschliche Schicksale, sondern auch die Natur und Landschaft spiegeln
Veränderungen wider. Das Haus bleibt stummer Zeuge der Konflikte und Tragödien seiner Bewohner.
Erpenbeck verwendet eine poetische, fragmentarische Erzählweise, die das individuelle Leid mit kollektiver
Geschichte verbindet. Das wiederkehrende Motiv der Heimatsuche und Heimatlosigkeit zieht sich dabei wie ein
roter Faden durch die Erzählung. Letztlich wird das Haus abgerissen, wodurch Vergänglichkeit und Vergessen
symbolisiert werden. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie Geschichte sich in Lebensräumen manifestiert und
Menschen prägt.
Inhalt
Prolog
Prolog (R 9f.)
Entstehung der Landschaft als erzählerischer Ausgangspunkt
Der Prolog des Romans führt weit zurück in die geologische Vergangenheit und schildert die Formung
der Landschaft, auf der später das Haus am See stehen wird.
Dabei wird der Einfluss von Eiszeiten beschrieben: Das Vordringen und Zurückweichen der Gletscher
übt enormen Druck auf die Umgebung aus, wodurch Felsen bersten und Bäume zersplittern. Das Eis
verändert die Topografie grundlegend (vgl. R 9.4f.). Bereits hier wird deutlich, dass alles Neue das Alte
verdrängt – ein zentrales Motiv des Romans.
Metaphorische Aufladung der Naturgewalten
Obwohl zunächst sachlich-naturwissenschaftlich geschildert, erhält die Beschreibung zunehmend
metaphorischen Charakter. Das Eis erscheint fast wie ein handelndes Subjekt, das mit „aller Macht“ (R
9.24) die Landschaft umformt.
Der Wechsel zwischen nüchterner Beschreibung und poetischer Bildsprache lässt die Natur wie einen
Vorboten späterer menschlicher Gewalterfahrungen wirken.
Landschaft im Wandel – der See entsteht
Mit dem Rückzug des Gletschers bildet sich ein See – jener, an dessen Ufer später das titelgebende Haus
erbaut wird.
Die Schilderung umfasst einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden: von der ersten Eisbedeckung
über das Schmelzen des Toteises bis hin zur Bildung des „Märkischen Meeres“, einem poetischen
Namen für den Scharmützelsee, der auf Theodor Fontane zurückgeht (vgl. R 9f.). Die durch das Wasser
abgeschliffene Nacklige im See (R 86.16) wird so ebenfalls als Resultat der geologischen Entwicklung
verankert.
Vergänglichkeit und zyklischer Wandel
Der Prolog thematisiert nicht nur die Entstehung, sondern auch die zukünftige Auflösung dieser
Landschaft. Am Ende steht die Vorstellung, dass der See irgendwann verschwinden wird – wie viele
3
, andere Hohlformen auch, die entstehen, um später wieder „ganz und gar zugeschüttet“ zu werden (R
10.24).
Diese Vorstellung von Kreislauf und Vergänglichkeit durchzieht den gesamten Roman und verweist auf
den kontinuierlichen Wandel aller Dinge.
Verbindung dreier Zeitebenen
In der Struktur des Prologs überlagern sich drei Zeitebenen: die prähistorische Vergangenheit (Eiszeit),
die neuere deutsche Geschichte (implizit durch das Haus und seine Bewohnerinnen und Bewohner) und
eine Zukunft, in der das Wasser wieder verschwinden wird.
Durch diese Montage von Zeit wird das Haus am See nicht nur zu einem Schauplatz individueller
Schicksale, sondern zu einem Symbol für historische Prozesse im Wandel der Zeiten.
Der Gärtner
Der Gärtner (R 11 ff.)
Eine Figur außerhalb von Zeit und Gesellschaft
Der Gärtner wird im ersten Kapitel des Romans als beinahe zeitloser und gesellschaftlich randständiger
Charakter eingeführt. Er lebt allein in einer verlassenen Jagdhütte im Wald, ohne Grundbesitz, sozialen
Anschluss oder bekannten familiären Hintergrund. Seine Herkunft bleibt unklar – niemand im Dorf
scheint Genaueres über ihn zu wissen.
Die Formulierung „Vielleicht war er schon immer da“ (R 11.3) unterstreicht seine entrückte, fast
mythische Präsenz. Diese vage Beschreibung steht in auffälligem Kontrast zur präzisen Darstellung der
übrigen Figuren, deren Biografien und Schicksale eng mit dem Haus verknüpft sind.
Ein Experte im Umgang mit Natur
Der Gärtner ist ein Mensch, der vollkommen mit der Natur verbunden zu sein scheint. Er verfügt über
außergewöhnliche Kenntnisse im Umgang mit Pflanzen, Bäumen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten.
Sein Wissen wird in detaillierten Beschreibungen sichtbar – etwa wenn er die richtige Mischung aus
Harz, Wachs und Terpentin kennt oder weiß, wann Bast zum Verbinden von Wunden an Bäumen
sinnvoll ist. Die Dorfbewohner konsultieren ihn regelmäßig, vor allem wenn es um praktische Fragen der
Landwirtschaft und des Gartens geht.
Zwischen Geburt und Tod – ein Symbol des natürlichen Zyklus
Bemerkenswert ist die doppelte Rolle, die dem Gärtner im Kontext des Lebens und Sterbens zukommt.
Er ist gleichermaßen für die Geburt wie für das Sterben in der Natur zuständig: vom Veredeln junger
Pflanzen bis zum Fällen alter Bäume.
Diese zyklische Sicht auf Naturprozesse – vom Wachstum bis zum Verfall – stellt eine symbolische
Verbindung zur zentralen Thematik des Romans her: die stetige Veränderung von Besitz, Landschaft und
Erinnerung. Der Gärtner wird so zur Konstante in einem Roman voller Umbrüche und Verdrängungen.
Ein Schweigender, dessen Tun für sich spricht
Im Gegensatz zu vielen anderen Figuren bleibt der Gärtner stumm. Seine Geschichte wird nicht über
Gedanken oder Dialoge vermittelt, sondern ausschließlich über Beobachtungen seines Tuns. Dadurch
nimmt er eine fast archetypische Rolle ein: Er ist kein individueller Charakter mit Innenleben, sondern
ein Sinnbild für Kontinuität, Wissen und das stille Arbeiten im Hintergrund.
Der Großbauer und seine vier Töchter
Der Großbauer und seine vier Töchter (R 12–24)
4