DE DER UNTERTAN (1918)
Im Februar 1892, Diederich, die Helden des römischen Kreuzes, an einer
Promenade, am Chemin d'une Manifestation de Chomeurs, Unter den Linden.
Als er den jungen Kaiser Guillaume II. bei seinem Tod überlebte, provozierte er
eine lebendige Reaktion bei den Demonstranten und bei den Helden.
« Hurra ! » schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines mächtigen
Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger
Tor. Zwei Schritte von ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich konnte ihm ins
Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das Blitzen; aber ihm verschwamm
es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein Rausch, höher und herrlicher als der,
den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, trug ihn durch die
Luft. Er schwenkte den Hut hoch über allen Köpfen, in einer Sphäre der
begeisterten Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle
kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der siegreichen Einmärsche und mit
Zügen, steinern und blitzend, ritt die Macht! Die Macht, die über uns hingeht
und deren Hufe wir küssen! Die über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen
die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir
die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein
verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne
ein Nichts, steigen wir in gegliederten Massen, als Neuteutonen, als Militär,
Beamtentum, Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisationen und
Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern
und blitzend! Leben in ihr, haben teil an ihr, unerbittlich® gegen die, die ihr
ferner sind, und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so,
vidence rechtfertigt sie unsere Liebe!... Einer der Schutzleute, deren Kette das
Tor absperrte, stieß Diederich vor die Brust, dass ihm der Atem ausblieb; er
aber hatte die Augen so voll Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese
Elenden hinweg, die gebändigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem
Kaiser nach! Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu
schwach gegen so viel Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite.
Man musste abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen
Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den
Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch
im gefährlichsten Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen
, wie ein Wilder : der Kaiser, vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte
ihn. Diederich riss den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen
Tümpel, die Beine in der Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der
Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der Kaiser wandte
sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel und lachte.
Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.
Heinrich Mann, Der Untertan, 1918
PISTES POUR UN CORRIGE DE CET EXTRAIT
In dem 1918 erschienenen Roman von Heinrich Mann ist das erste
Treffen von Diederich und dem Kaiser, Wilhelm dem II. bei einer
Demonstration Unter den Linden der Anlaß, das Untertan-Motiv ausführlich zu
entwickeln und satirisch zu inszenieren.
Die Hauptgestalt, Diederich, die hier dargestellt wird, könnte als Held
eines Bildungsromans interpretiert werden. [Bildungsroman : Entfaltung und
Fortschritt des Subjekts durch seine Auşeinandersetzung mit der Gesellschaft].
Hier geht es aber um etwas anderes. Die politische Tragweite des Textes im
Zusammenhang des zeitgenössischen Deutschlands und für die heutigen Leser,
die die Geschichte Deutschlands und Europas kennen, soll berücksichtigt
werden. Zu welchen Mitteln greift der Autor, um diese Szene satirisch
darzustellen, und worin besteht das Untertan-Motiv?
1 - Konfrontation
Der soziale und politische Zusammenhang - eine Volksbewegung auf der
Straße - gehört der Geschichte. Der Kaiser ist natürlich auch eine historische
Figur, während Diederich eine fiktive ist. Das ermöglicht die Gattung zu
bestimmen : wir befassen uns also hier mit einem Auszug aus einem
historischen Roman.