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Zusammenfassung Staatsexamen Neueste Geschichte - Skript in Textform (zur Ergänzung)

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05-04-2026
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2025/2026

Es handelt sich um eine ausführliche Text-Zusammenfassung, die zur Vorbereitung auf das Staatsexamen in Geschichte - Lehramt - geeignet ist. Themen: 1. Das lange 19. Jahrhundert 1.1 Die Bevölkerungsexplosion 1.2 Auswanderung im 19. Jh. 1.3 Säkularisation und Mediatisierung 1.4 Montegelas und die Entstehung des modernen Bayern 1.5 Die „Bauernbefreiung“ in Preußen inkl. Agrarformen 1.6 Der Rheinbund 1.7 Der Wiener Kongress 1.8 Der deutsche Bund: Gründung, Verfassung und Entwicklung 1.9 Der Pauperismus: Ursachen, Folgen, Bewältigung 1.10 Kennzeichen der Industrialisierung / Wirtschaftszyklen 1.11 Nationalismus: Ursachen, Verbreitung und Wandel 1.12 Liberalismus: Politische und bürgerliche Bewegung 1.13 Die Revolution 1848/49: Ursachen, Grundbegriffe, Folgen 1.13.1 Verlauf und Zentralergebnisse 1.13.2 Bühnen, Akteure, Revolution 48 1.14 Reichsgründung und Verfassungssystem 1.14.1 Bismarck und die deutsche Frage 1.14.2 Das Verfassungssystem des Kaiserreiches: Machtzentren und Chancen 1.14.3 Das „persönliche Regiment“ (Wilhelm II.) 1.15 Kulturkampf und Sozialistengesetz 1.15.1 Kulturkampf: Ursachen, Verlauf, Folgen 1.15.2 Das Sozialistengesetz und seine Auswirkungen 1.15.3 Die Anfänge des modernen Sozial- und Interventionsstaates 1.16 Außenpolitik des Kaiserreichs 1.16.1 Leitlinien der Bismarck’schen Außenpolitik 1.16.2 Grundzüge Wilhelminischer Außenpolitik 1.16.3 Parteien und Verbände im Kaiserreich 1.17 Innenpolitik und 1. WK (14-18) 1.17.1 Grundzüge der Wilhelminischen Innenpolitik 1.17.2 Julikrise 1.17.3 Etappen und Ursachen des Zusammenbruchs 2. 1918-45 2.1 Außenpolitik der Weimarer Republik 2.2 Aufstieg des Nationalsozialismus in Bayern und München (1920) 2.3 Verfassungsgeschichte der Weimarer Republik 2.4 Der Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung 2.5 Internationale Geschichte – Beziehungen 2.6 Etablierung und Machtsicherung der NS-Diktatur (33/34) 2.7 NS-Außenpolitik 2.8 Widerstand gegen den NS 3 Themen nach Stex-Aufgaben-Ansicht für 19. Jh. 3.1 Revolution 1848/49 3.2 Dt. Kaiserreich 3.3 Soziale Frage 3.4 Dt.-Französische Beziehungen im 19. Jh. 3.5 Nationalstaaten bzw. Staatensystem 3.6 Antisemitismus 3.7 China und dt. Reich 1871 – 1918 3.8 Arbeiterbewegung im 19. Jh. 3.9 Wiener Kongress 2.0

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Neuzeit – Skript in Textform

1. Die Bevölkerungsexplosion
Zwischen etwa 1740/50 und 1800 wächst die Bevölkerung im Alten Reich stark (insgesamt um ca. 40–
50 %, regional sehr unterschiedlich). Dieses Wachstum fällt Zeitgenossen bereits auf und wird teils als
Krisensignal gelesen: In England formuliert der anglikanische Geistliche Robert Thomas Malthus 1798
in seinem „An Essay on the Principle of Population“ eine einflussreiche Warnung. Seine Grundidee:
Wenn die Bevölkerung schneller zunimmt als die Nahrungsmittelproduktion, entsteht langfristig ein Un-
gleichgewicht – Armut, Hunger und Krisen wären dann keine Ausnahmen, sondern strukturell „einge-
baut“. Auch wenn Malthus’ Modell stark vereinfacht, zeigt es, wie eng man Bevölkerungswachstum
schon damals mit Ressourcen, Versorgung und sozialer Ordnung verknüpfte.
Dass die Bevölkerung im späten 18. Jahrhundert überhaupt deutlich wachsen kann, hat mehrere
Gründe: Epidemien treten in manchen Regionen seltener oder weniger verheerend auf, die Hygiene
verbessert sich langsam, überlokale Märkte und bessere Versorgungslagen dämpfen regionale Hun-
gerspitzen, und die Geburtlichkeit steigt leicht. Gleichzeitig bleibt die Grundstruktur noch „vorindustriell“:
Die Gesellschaft lebt in einer „vorindustriellen Bevölkerungsweise“, die man auch als demographisch
„verschwenderisch“ beschreiben kann – nicht moralisch, sondern statistisch. Es werden sehr viele Kin-
der geboren, aber zugleich sterben sehr viele Menschen früh, vor allem Säuglinge und Kinder (und das
je nach sozialer Lage stark unterschiedlich). Außerdem heiraten längst nicht alle: In vielen Gegenden
gibt es Heiratsbeschränkungen (ökonomische Voraussetzungen, lokale Regeln, Zustimmungspflichten),
die die Eheschließung verzögern oder verhindern – was wiederum die Familiengründung steuert.
Im 19. Jahrhundert beschleunigt sich das Wachstum dann enorm, bevor es zu Beginn des 20. Jahrhun-
derts wieder abflacht. Für das Gebiet des späteren Deutschen Reiches lässt sich zwischen 1780 und
1914 insgesamt eine Verdreifachung der Bevölkerung feststellen. Trotzdem ist der Begriff „Bevölke-
rungsexplosion“ problematisch: Er klingt nach plötzlichem, eruptivem „Knall“, während das Wachstum
in Europa meist langfristig, regional unterschiedlich und strukturell erklärbar verläuft – und im Vergleich
zu den sehr schnellen Wachstumsraten vieler Schwellenländer im späten 20. und frühen 21. Jahrhun-
dert wirkt das europäische Wachstum eher „moderater“.
Für das deutsche Beispiel (mit deutlichen Unterschieden innerhalb Europas) lässt sich das Ganze gut
als demographischer Übergang in Phasen beschreiben:
In der ersten Phase bis etwa 1870 dominiert noch die vorindustrielle Bevölkerungsweise. Charakteris-
tisch sind weiterhin starke Schwankungen in den Sterbeziffern. Gründe dafür sind unter anderem Kriege
und Nachkriegsphasen (Nachhol- und Erholungseffekte), Seuchen, aber auch stark wechselnde Ern-
teerträge. Gerade die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit bleibt ein entscheidender Faktor. Zu-
gleich beginnt jedoch seit den 1850er Jahren ein langsamer Strukturwandel: Immer häufiger verschiebt
sich das demographische „Gewicht“ dorthin, wo Industrialisierung anzieht. Industrialisierende Regionen
wachsen nicht nur aus eigener Kraft, sondern vor allem durch Zuwanderung. Damit verändert sich die
Logik des Wachstums: Weg vom primär agrarisch getragenen Bevölkerungszuwachs hin zu einem
Wachstum, das zunehmend industriell generiert wird. Landflucht, Binnenmigration und die Anziehungs-
kraft städtischer Arbeitsmärkte werden zu Schlüsselmechanismen – mit Begleiterscheinungen wie Woh-
nungsnot, sozialer Unsicherheit und neuen Armutsformen.
In der zweiten Phase von ca. 1870 bis 1900 öffnet sich die klassische „Schere“: Die Geburtenziffern
bleiben hoch, aber die Sterbeziffern sinken nun dauerhaft. Das ist der Kern dessen, was man als „in-
dustrielle Bevölkerungsweise“ beschreibt. Der entscheidende Motor ist der rasche Rückgang der Säug-
lings- und Kindersterblichkeit – und dahinter stehen konkrete Entwicklungen: medizinisch (z. B. bessere
Diagnostik, Hygiene im Wochenbett, Umgang mit Seuchen) und vor allem kommunal-staatlich durch
den Ausbau moderner Infrastruktur. Städte investieren in sauberes Wasser, Kanalisation, Müllentsor-
gung, Gesundheitsverwaltung und Seuchenprävention („Assanierung“), wofür z. B. München mit Max
von Pettenkofer oft als frühes Beispiel genannt wird. Dazu kommen rechtlich-soziale Veränderungen:
Heiratsbeschränkungen werden gelockert oder aufgehoben, und mit den Sozialversicherungen entste-
hen neue Sicherungsnetze. Insgesamt wird der Wandel nun auch quantitativ messbar: Sterblichkeit
sinkt nicht mehr nur gelegentlich, sondern „nachhaltig“.
Die dritte Phase beginnt um 1900: Die Schere beginnt sich langsam wieder zu schließen. Die Sterbe-
ziffern sinken zwar weiter, aber die Geburtlichkeit geht nun spürbar zurück; das Bevölkerungswachstum
verlangsamt sich. Familien bekommen weniger Kinder – zuerst besonders deutlich im städtischen Bür-
gertum (mit Vorreiterrollen etwa im jüdischen Bürgertum), während in Arbeiter- und ländlichen Milieus
teils länger höhere Kinderzahlen üblich bleiben. Das verweist auf etwas Zentrales: Demographischer
Wandel passiert sozial ungleichzeitig. Gründe für den Geburtenrückgang sind u. a. wachsende Kennt-
nisse und Praktiken der Empfängnisverhütung, ein kultureller Wandel hin zum einzelnen Kind (um 1900

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,spricht man von einer „Entdeckung der Kindheit“ und Jugend als eigener Lebensphase), und ökonomi-
sche Verschiebungen: Kinder werden weniger als Arbeitskraft im Haushalt gebraucht, dafür steigen
Kosten und Bildungsansprüche. Säkularisierung und Individualisierung verändern zusätzlich Familien-
normen. Diese Phase wird oft als „postindustrielle Bevölkerungsweise“ beschrieben: Der demographi-
sche Umsatz (Geburten und Todesfälle als ständige „Durchlaufbewegung“) ist im Verhältnis geringer –
die Gesellschaft bleibt zwar lange jung und dynamisch, aber die Bevölkerungsbewegungen werden ins-
gesamt „ruhiger“.
Woher weiß man das alles so genau? Weil sich im 19. Jahrhundert die Quellenlage stark verdichtet.
Neben Kirchenbüchern spielen kommunale und landesweite statistische Erhebungen eine wachsende
Rolle. Im Reich werden Institutionen geschaffen, die Daten systematisch sammeln (z. B. ab 1872 das
Kaiserliche Statistische Amt, später auch gesundheitsbezogene Reichsbehörden). Besonders wichtig
sind regelmäßige Volkszählungen (im Reich ab 1875 in festen Intervallen), die mit einem Merkmalska-
talog arbeiten: Geschlecht, Geburtsort und -jahr, Familienstand, Religion, Beruf, Wohnort usw. Dadurch
wird Bevölkerung nicht nur „gezählt“, sondern als sozial strukturierte Größe analysierbar – und damit
auch politisch relevant für Verwaltung, Gesundheitswesen und Sozialpolitik.
Wenn man das Ganze in einem Satz zusammenfasst: Die „Bevölkerungsexplosion“ im langen 19. Jahr-
hundert ist weniger ein plötzliches Ereignis als ein langfristiger Strukturwandel, der über sinkende Sterb-
lichkeit (vor allem bei Kindern), Urbanisierung, Migration und schließlich sinkende Geburtenraten den
Übergang von vorindustriellen zu industriellen und später postindustriellen demographischen Mustern
beschreibt.
2. Auswanderung im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert erlebte der deutschsprachige Raum – wie große Teile Europas – eine Epoche au-
ßergewöhnlich hoher Mobilität. Zwischen 5,5 und sechs Millionen Menschen wanderten aus deutschen
Territorien aus; ungefähr 90 % von ihnen gingen in die USA. Deshalb wird das 19. Jahrhundert für
Deutschland häufig als „Jahrhundert der Auswanderung“ bezeichnet. Gegen Ende des Jahrhunderts
wandelte sich die Lage jedoch: Kurz vor 1900 setzte in Deutschland der Übergang zu einer Ein- und
Transitwanderung ein (also stärkerer Zuzug nach Deutschland sowie Durchwanderung Richtung ande-
rer Zielräume). Im europäischen Maßstab waren die Bewegungen noch größer: Zwischen 1815 und
1930 emigrierten insgesamt bis zu 60 Millionen Menschen aus Europa. Ab den 1880er Jahren stammte
ein wachsender Teil dieser Migranten nicht mehr aus Nord- und Mitteleuropa, sondern vor allem aus
Süd-, Südost- und Osteuropa.
Charakteristisch für die deutsche Auswanderung ist ein wellenförmiger Verlauf: Die Zahlen stiegen nicht
gleichmäßig an, sondern verliefen in Hochphasen und Abschwüngen. Historiker strukturieren diese Wel-
len unterschiedlich; Siemann unterscheidet fünf Phasen, Kocka arbeitet mit drei größeren Abschnitten.
Hinter diesen Wellen stehen typischerweise Konjunkturen von Krisen und Chancen: In Zeiten wirtschaft-
licher Not, Agrarkrisen oder politischer Erschütterungen nahm die Auswanderung zu; verbesserten sich
Beschäftigungsmöglichkeiten und Perspektiven im Inland, gingen die Zahlen zurück. In einer weiteren
Perspektive schlägt Johannes Paulmann vor, Migration nicht nur national zu betrachten, sondern als
Zusammenspiel verschiedener „Migrationsregime“, also übergreifender, historisch stabiler Bewegungs-
muster: erstens eine innereuropäische Wanderungsbewegung (z. B. Binnen- und Saisonmigration),
zweitens ein russisch-sibirisches System (Ostwanderung und Binnenkolonisation im Zarenreich), drit-
tens die proletarische Atlantikauswanderung (massenhafte Auswanderung sozial schwächerer Gruppen
über den Atlantik, besonders in die USA), und viertens die imperial-koloniale Migration (Wanderungen
im Zusammenhang europäischer Expansion, Kolonialprojekten und imperialen Arbeits- und Herrschafts-
ordnungen). Diese Typisierung macht deutlich: Migration im 19. Jahrhundert war nicht nur „deutsche
Auswanderung nach Amerika“, sondern ein vielschichtiges europäisches und globales System von Be-
wegungen.
Die Motive der deutschen Auswanderung waren überwiegend ökonomisch. Religiöse und politische Be-
weggründe existierten zwar, blieben im Gesamtbild jedoch zweitrangig. Viele Menschen verließen ihre
Heimat, weil sie unter Armut, Existenzunsicherheit und fehlenden Aufstiegschancen litten; deshalb wird
das Jahrhundert oft als „Jahrhundert der Not“ beschrieben. Auswanderung war für die meisten keine
romantische Abenteuerentscheidung, sondern eine riskante, teure und endgültig wirkende Strategie,
um dem sozialen Abstieg zu entkommen. In der Analyse unterscheidet man häufig Push- und Pull-Fak-
toren: Push-Faktoren sind „Abstoßfaktoren“ im Herkunftsgebiet (etwa Missernten, Überbevölkerung,
strukturelle Armut, geringe Erwerbsmöglichkeiten, politische Repression), Pull-Faktoren „Anziehungs-
faktoren“ im Zielgebiet (z. B. Landverfügbarkeit, bessere Löhne, Arbeitskräftebedarf, größere soziale
und politische Spielräume). Gerade die USA wirkten in vielen Phasen als starker Pull-Raum – nicht
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,zuletzt, weil sich dort für viele (zumindest in der Vorstellung) die Hoffnung auf Eigentum, Arbeit und
gesellschaftlichen Neuanfang bündelte.
Die Ausgangsräume der deutschen Auswanderung lagen lange Zeit vor allem in nicht oder kaum indust-
rialisierten Gebieten. Dominant waren insbesondere der preußische Nordosten sowie der deutsche
Südwesten. Im Südwesten spielten sogenannte Realteilungsgebiete eine große Rolle: Durch Erbteilung
wurde Landbesitz über Generationen immer weiter aufgespalten, sodass viele Familien am Ende nur
noch sehr kleine, kaum existenzfähige Parzellen bewirtschaften konnten. Später setzte Auswanderung
teils auch aus industrialisierten Räumen ein – je nach Krise und Arbeitsmarktlage, denn auch Industria-
lisierung erzeugte Gewinner und Verlierer, neue Unsicherheiten und Übergangsprobleme. Auf der Ziel-
seite waren die Ankunftsräume besonders häufig der amerikanische Mittelwesten. Dort entstanden Fra-
gen nach der deutsch-amerikanischen Kultur: Deutsche Migranten organisierten sich in Vereinen, pfleg-
ten Sprache und Brauchtum, gründeten Zeitungen und Netzwerke – eine Infrastruktur, die zugleich Zu-
gehörigkeit stiftete und die Eingliederung in die neue Gesellschaft auf eigene Weise rahmte.
Ein wichtiger, oft unterschätzter Aspekt ist die Rolle der Gemeinden. Kommunen beteiligten sich teils
aktiv an Auswanderung, indem sie Ausreisekosten (ganz oder teilweise) unterstützten. Das war eine
drastische Form früher Sozialpolitik: Für Gemeinden konnte es kurzfristig entlastend wirken, wenn sehr
arme oder dauerhaft unterstützungsbedürftige Personen auswanderten – eine Art sozialpolitische „Ent-
lastungsstrategie“, die moralisch ambivalent war, aber in der damaligen Logik lokaler Armenfürsorge
durchaus verbreitet sein konnte.
Parallel dazu entstand ein Geschäftsfeld Migration. Mit dem Ausbau von Eisenbahn, Schifffahrt, Hafe-
ninfrastruktur und einem Netz von Agenturen, Vermittlern, Vereinen und Informationskanälen entwi-
ckelte sich eine Migrationsinfrastruktur, die Auswanderung organisatorisch erleichterte, zugleich aber
kommerzialisierte. Auswanderung wurde dadurch planbarer und massenhaft möglich – und sie wurde
für viele Akteure profitabel. Informationen über Überfahrten, Arbeitsmöglichkeiten oder Siedlungsräume
zirkulierten immer schneller; zugleich erhöhte das System auch Risiken (Betrug, Ausbeutung, Fehlinfor-
mation), weshalb Regulierung und Kontrolle immer wieder Thema waren.
Sozialstrukturell war die frühe Auswanderung häufig zunächst männliche Einzelwanderung. Viele Män-
ner gingen vor, um Arbeit zu finden oder Land zu erwerben; Frauen und Familien folgten oft später,
wenn eine gewisse Stabilität erreicht war. Außerdem war Migration im 19. Jahrhundert häufig saisonal
oder schrittweise: Menschen zogen nicht immer „in einem Sprung“ nach Übersee, sondern verbanden
kurzfristige Arbeitswanderung, Ortswechsel innerhalb Europas und schließlich die Atlantiküberfahrt. Da-
mit war Auswanderung eng verzahnt mit der Binnenwanderung (Migration innerhalb eines Landes) und
anderen europäischen Wanderungsformen. Das gesamte Wanderungsgeschehen differenzierte sich
stark aus: Man unterscheidet etwa Binnenwanderung (innerhalb eines Landes), Nahwanderung (kurze,
regionale Wanderungen), Einzelwanderung (eine Person), Familienwanderung (Familien ziehen ge-
meinsam), Kettenwanderung (Nachzug entlang bestehender Beziehungen: Verwandte/Bekannte folgen
den ersten Auswanderern), Rückwanderung (Rückkehr ins Herkunftsgebiet) und Transitwanderung
(Durchwanderung: ein Gebiet ist Zwischenstation auf dem Weg zum Ziel). Gegen Ende des Jahrhun-
derts kommt zudem das Phänomen des Pendels stärker ins Blickfeld: wiederholte, zirkuläre Bewegun-
gen zwischen Arbeits- und Wohnorten – ein Zeichen dafür, wie sehr Gesellschaften „in Bewegung“ ge-
raten waren.
Diese hohe Mobilität hatte auch kulturelle und soziale Folgen. Sie verstärkte Differenzerfahrungen: Men-
schen begegneten anderen Lebensweisen, Normen und sozialen Ordnungen – und nahmen Unter-
schiede bewusster wahr. Gerade im 19. Jahrhundert prägten bürgerliche Wert- und Normvorstellungen
(z. B. Vorstellungen von „ordentlicher“ Arbeit, Sparsamkeit, Familienmoral, Bildung, Eigentum, Respek-
tabilität) die Selbstdeutung vieler Gruppen; im Kontakt mit anderen sozialen Milieus und neuen Gesell-
schaften wurde sichtbar, dass solche Normen nicht überall identisch galten oder unterschiedlich inter-
pretiert wurden. Gleichzeitig fanden sich in der zeitgenössischen Debatte auch sozialdarwinistische Ar-
gumente: Das meint Deutungen, die gesellschaftliche Ungleichheit oder Konkurrenz mit einem ver-
meintlichen „Naturgesetz des Überlebens der Stärkeren“ rechtfertigten. Solche Denkweisen wurden ge-
nutzt, um soziale Hierarchien zu erklären, Armut zu moralisch-biologisch zu deuten oder Gruppen ge-
geneinander abzugrenzen – und sie konnten Migranten als „tüchtig“ oder „minderwertig“ stereotypisie-
ren. Wichtig ist der Hinweis: Massenerfahrungen von Flucht und Vertreibung in wirklich industrialisier-
tem, großräumigem Ausmaß gelten eher als prägendes Phänomen des 20. Jahrhunderts; im 19. Jahr-
hundert dominieren (bei allen Härten) eher ökonomisch strukturierte Wanderungen und vielfältige
Mischformen von freiwilliger und strukturell erzwungener Mobilität.


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,In dieser Gesamtlage formuliert Hans-Ulrich Kocka die These vom „Sicherheitsventil“: Auswanderung
könne wie ein Ventil wirken, das gesellschaftlichen Druck mindert. Wenn es im Herkunftsgebiet zu Über-
bevölkerung, Massenarmut, Arbeitslosigkeit oder Konflikten kommt, kann Abwanderung Spannungen
entschärfen, weil ein Teil derjenigen, die am stärksten von Not betroffen sind, das Land verlässt. Zu-
gleich ist Auswanderung für Kocka aber auch Ausdruck partieller Rückständigkeit Europas: Eine Gesell-
schaft, die „Überschussbevölkerung“ nicht integrieren kann, zeigt strukturelle Probleme. Damit wird Aus-
wanderung zum Zeichen eines ambivalenten Fortschritts: Modernisierung schafft neue Dynamik und
Chancen, produziert aber auch Krisen, Ungleichheit und Verlierer – und Migration ist beides, Reaktion
und Bestandteil dieses Modernisierungsprozesses.
Die aktuelle Forschung verschiebt einige Akzente: Sie fragt stärker nach Geschlechterverhältnissen (wie
Migration männliche und weibliche Rollen, Handlungsspielräume, Familienstrukturen und Erwerbsbio-
grafien unterschiedlich prägt) und nach Rückwanderungsprozessen (wer kehrt zurück, wann, aus wel-
chen Gründen, und welche Folgen hat das für Herkunfts- und Zielregionen). Damit wird Migration nicht
mehr nur als „einmaliger Weggang“, sondern als oft langfristiges, zirkuläres und beziehungsreiches Ge-
schehen verstanden.
Im 20. Jahrhundert verändert sich der Charakter von Migration grundlegend. Ökonomische Motive blei-
ben wichtig, werden aber in vielen Phasen durch Zwangs- und Kriegsfolgenwanderungen überlagert.
Die Weltkriege und ihre politischen Konsequenzen erzeugen massenhafte Bewegungen: Flucht, Ver-
treibung, Deportation und Umsiedlung werden zu zentralen Erfahrungen. Dazu gehört auch die natio-
nalsozialistische Praxis der Zwangsarbeit, häufig als „Ausländereinsatz“ bezeichnet: Millionen Men-
schen wurden gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht und in Landwirtschaft, Bergbau, Industrie
und Rüstungsproduktion ausgebeutet.
In der Weimarer Republik (1919–1933) spricht man von einer restriktiven Zuwanderungspolitik: Das
heißt, Zuzug sollte stärker begrenzt und kontrolliert werden – häufig mit Blick auf Arbeitsmarkt, soziale
Stabilität und staatliche Steuerung. Gleichzeitig verschieben sich im 20. Jahrhundert die Motivlagen
insgesamt: Ökonomische Gründe treten in bestimmten Kontexten zurück, politische und ideologische
Motive gewinnen an Gewicht – etwa bei Emigration, politischem Exil, Vertreibungen und Deportationen.
Für die Zeit des Zweiten Weltkriegs werden in deinen Zahlenangaben enorme Dimensionen sichtbar:
Es ist von acht Millionen ausländischen Arbeitskräften in Deutschland und neun Millionen Vertriebenen
aus den besetzten Gebieten (Ende 1944) die Rede. Nach Kriegsende 1945 taucht der Begriff „Displaced
Persons“ (DPs) auf: Damit bezeichnete man Menschen, die durch Krieg und Gewaltverhältnisse „verla-
gert“ worden waren – etwa ehemalige Zwangsarbeiter, KZ-Überlebende, Deportierte –, die sich außer-
halb ihrer Heimat befanden und nicht ohne Weiteres zurückkehren konnten. In dieser Situation gab es
nach 1945 etwa 10–12 Millionen DPs. Viele wurden repatriiert (also in Herkunftsländer zurückgeführt),
andere konnten oder wollten nicht zurück (z. B. wegen neuer politischer Grenzen, Verfolgungsangst,
zerstörter Heimat) und wurden später dauerhaft angesiedelt oder wanderten weiter in Drittstaaten aus.
Parallel dazu prägten in der entstehenden Bundesrepublik verschiedene Gruppen die Nachkriegsmig-
ration: Bombenkriegsevakuierte (Menschen, die während des Krieges aus bedrohten Städten in siche-
rere Regionen gebracht worden waren; viele kehrten später zurück), Kriegsgefangene (die nach der
Entlassung heimkehrten) und vor allem Vertriebene (Menschen, die ihre Heimat dauerhaft verloren hat-
ten und in West- und Ostdeutschland neu angesiedelt wurden). Damit ist also nicht „eine Gruppe“ ge-
meint, die geschlossen zurückkehrt, sondern mehrere sehr unterschiedliche Erfahrungskategorien:
Manche kehrten zurück, andere konnten nicht zurück, wieder andere gingen weiter.
Nach 1945 gab es auch wieder deutsche Auswanderung: Zwischen 1946 und 1961 wanderten rund
800.000 Menschen aus Deutschland aus, überwiegend nach Nordamerika, aber auch nach Europa und
Australien. Gleichzeitig entsteht in Westdeutschland ab den 1950er Jahren durch das „Wirtschaftswun-
der“ (rasches Wachstum, hohe Nachfrage nach Arbeitskräften) eine neue Einwanderungssituation. Es
kommt zur Zuwanderung aus Süd- und Südosteuropa sowie – bis 1961 besonders stark – auch aus der
DDR: Viele Menschen gingen in die Bundesrepublik, weil Löhne, Konsumchancen und politische Per-
spektiven dort attraktiver wirkten. Zusätzlich wurden ausländische Arbeitskräfte im Rahmen der soge-
nannten „Gastarbeiter“-Politik angeworben. Dieser Prozess wurde durch den Anwerbestopp 1973 mar-
kant verändert: Der Staat beendete die offizielle Anwerbung neuer ausländischer Arbeitskräfte. Das be-
deutete nicht, dass Migration endete, sondern dass sich ihr Charakter verschob: Viele bereits anwe-
sende Migranten blieben dauerhaft, Familiennachzug und langfristige Integration wurden wichtiger, und
Deutschland entwickelte sich – trotz lange gegenteiliger Selbstdarstellung – zunehmend zu einer Ein-
wanderungsgesellschaft.


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,Seit Ende der 1980er Jahre werden Aussiedler wichtig (oft als Teil von Rück- oder „Rückkehr“-Migration
verstanden): Gemeint sind Personen deutscher Abstammung aus Ost- und Südosteuropa bzw. dem
postsowjetischen Raum, die nach Deutschland übersiedeln. Schließlich spielt das Asylrecht nach Artikel
16 des Grundgesetzes eine zentrale Rolle: Es verankerte (in der ursprünglichen Form) ein Grundrecht
auf Asyl für politisch Verfolgte. In den 1990er Jahren wurden Regelungen verändert und eingeschränkt,
aber die Grundidee bleibt: Schutz für Menschen, die aus politischer Verfolgung fliehen. Insgesamt zeigt
der Blick ins 20. Jahrhundert damit eine starke Verschiebung: von überwiegend ökonomisch motivierter
Auswanderung im 19. Jahrhundert zu einer Gemengelage aus Zwangsmigration, politischer Flucht, Ar-
beitsmigration, Rück- und Familienmigration im 20. Jahrhundert – und zu einer zunehmend kontrover-
sen politischen Debatte über Steuerung, Integration und Zugehörigkeit.
3. Säkularisation und Mediatisierung
Säkularisierung und Mediatisierung gehören zu den zentralen Umbrüchen, die die Auflösung der alten
Reichsordnung im frühen 19. Jahrhundert beschleunigten. Um sie sauber zu verstehen, muss man zu-
erst die Begriffe voneinander trennen, weil sie oft durcheinandergeraten: Säkularisierung ist ein lang-
fristiger gesellschaftlicher Prozess, Säkularisation sind konkrete politische und rechtliche Maßnahmen
innerhalb dieses Prozesses, und Mediatisierung ist ein weiterer, eng damit verknüpfter Vorgang, der vor
allem die politische Landkarte des Reiches „aufräumte“.
Mit Säkularisierung meint man ganz allgemein jede Form von „Verweltlichung“. Im engeren Sinn be-
schreibt der Begriff – besonders seit der Aufklärung – verstärkte Entwicklungen, durch die religiöse
und/oder kirchliche Bindungen gelockert oder gelöst werden. Das kann bedeuten, dass Kirche und Re-
ligion weniger Einfluss auf Politik, Recht, Bildung, Alltag und Werte haben, oder dass Menschen weniger
stark in kirchliche Frömmigkeitsformen eingebunden sind. Wichtig ist dabei: Wie bei allen Modernisie-
rungsprozessen handelt es sich nicht um eine lineare Entwicklung. Es gibt regionale Unterschiede, Ge-
genbewegungen und Phasen, in denen religiöse Bindungen auch wieder stärker werden können. Wenn
Historiker sagen, die Säkularisation um 1803 sei Teil eines umfassenden Säkularisierungsprozesses,
dann meinen sie genau das: Nicht nur Gesetze und Territorien ändern sich, sondern auch soziale Struk-
turen, kulturelle Praxis und Mentalitäten.
Die Säkularisation ist innerhalb dieses großen Prozesses die konkrete politische Handlung: sie meint
die Aufhebung kirchlicher Herrschafts- und/oder Eigentumsrechte zugunsten weltlicher Träger. Solche
Säkularisationen gab es im Reich schon in der Frühen Neuzeit; sie sind also nicht grundsätzlich neu.
Seit dem Westfälischen Frieden waren entsprechende Regelungen Bestandteil des Reichsrechts. Auch
im 18. Jahrhundert finden sich Vorläufer, etwa der „Klostersturm“ unter Joseph II.: Dabei wurden in den
habsburgischen Ländern zahlreiche Klöster aufgehoben, vor allem solche kontemplativer Orden, also
Gemeinschaften, die vor allem in Abgeschiedenheit, Gebet und Meditation lebten und aus Sicht des
Staates keinen „unmittelbaren Nutzen“ (wie Schule, Krankenpflege, Seelsorge in der Fläche) stifteten.
Der Staat zog Vermögen ein und nutzte Ressourcen stärker für staatlich definierte Aufgaben. Neu am
Umbruch um 1803 ist daher nicht die Existenz solcher Maßnahmen, sondern ihre Dimension und die
Tatsache, dass sie nahezu die gesamte Struktur des Alten Reiches erfassen.
Innerhalb der Säkularisation unterscheidet man zwei Formen, die sich gut mit den klassischen Begriffen
„Imperium“ und „Dominium“ fassen lassen. Erstens die Herrschaftssäkularisation: Das ist die Aufhebung
der landesherrlichen Gewalt eines geistlichen Reichsfürsten und die Einverleibung seines Gebiets in
ein weltliches Reichsfürstentum. Betroffen ist das „Imperium“, also die staatliche bzw. hoheitliche Herr-
schaftsgewalt eines bislang reichsunmittelbaren geistlichen Fürsten. Das bedeutet ganz konkret: Ein
Fürstbischof oder Abt verliert nicht nur Einfluss, sondern seine politische Rolle als Landesherr ver-
schwindet, und sein Territorium wird einem weltlichen Fürstenstaat zugeschlagen. Zweitens die Vermö-
genssäkularisation: Das ist die Einziehung kirchlichen Eigentums zugunsten des Staates; betroffen ist
das „Dominium“, also Eigentum und wirtschaftliche Verfügung über Grundbesitz, Gebäude, Einkünfte
usw. Diese Vermögenssäkularisation kann reichsunmittelbare, landesunmittelbare und auch mediate
geistliche Gebiete betreffen. Vereinfacht gesagt: Bei der Herrschaftssäkularisation geht es um politische
Macht und Hoheitsrechte, bei der Vermögenssäkularisation um Besitz, Vermögen und wirtschaftliche
Grundlagen der Kirche.
Eng verknüpft mit der Säkularisation ist die Mediatisierung. Sie bedeutet die Aufhebung der Reichsun-
mittelbarkeit eines bis dahin reichsunmittelbaren weltlichen Reichsstandes, einer Reichsstadt oder ei-
nes Reichsritters, verbunden mit der Einverleibung des Territorialbesitzes in ein weltliches Reichsfürs-
tentum. Wichtig ist der Kern: Mediatisierung betrifft vor allem Hoheitsrechte und politische Selbststän-
digkeit – nicht das private Vermögen. Reichsunmittelbar heißt: direkt dem Kaiser unterstellt, ohne Zwi-
schenherr. Wenn eine Reichsstadt oder ein Reichsritter mediatisiert wird, verliert sie diese unmittelbare
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, Stellung, wird also einem größeren Staat „untergeordnet“, und die staatlichen Rechte (Gerichtsbarkeit,
Steuerhoheit, Verwaltung) gehen auf den neuen Landesherrn über. Das private Eigentum der betroffe-
nen Adeligen bleibt aber in der Regel erhalten; Mediatisierung ist daher keine Enteignung. Der ehema-
lige Reichsadel bleibt privilegiert und tritt vielfach als Standesherr in den neuen Staaten auf; oft ist er in
den Ersten Kammern der entstehenden Flächenstaaten vertreten.
Beide Prozesse – Säkularisation und Mediatisierung – sind weitgehend verknüpft mit dem Reichsdepu-
tationshauptschluss vom 25. Februar 1803. Der Reichsdeputationshauptschluss ist dabei die innenpo-
litische Umsetzung äußerer Fakten, die das Reich seit den Revolutions- und Koalitionskriegen nicht
mehr ignorieren konnte. Der unmittelbare Anlass liegt in der Französischen Revolution und den Kriegen:
Frankreich besetzte die linksrheinischen Gebiete dauerhaft ab 1794. Damit verloren zahlreiche Reichs-
stände faktisch ihre Territorien. Diese Verluste wurden durch mehrere Friedensschlüsse bestätigt. Preu-
ßen und Österreich hatten in Basel (1795) und Campo Formio (1797) bereits zugestimmt; entscheidend
war der Friede von Lunéville am 9. Februar 1801, in dem Kaiser Franz I. für das Reich der Abtretung
des linken Rheinufers an Frankreich zustimmte. Daraus entstanden Entschädigungsforderungen:
Reichsstände, die linksrheinische Gebiete verloren hatten, sollten rechtsrheinisch kompensiert werden.
Genau dafür dient 1803 der Reichsdeputationshauptschluss: Er organisiert die Entschädigung im Inne-
ren des Reiches, und zwar indem geistliche Territorien säkularisiert und viele reichsunmittelbare Klein-
territorien mediatisiert werden. In diesem Sinn kann man sagen: Der Reichsdeputationshauptschluss
„übersetzt“ die außenpolitische Realität (Gebietsverlust an Frankreich) in eine innenpolitische Neuord-
nung.
Insgesamt entsteht so eine Art territoriale Flurbereinigung. Damit ist gemeint, dass die kleinteilige, zer-
splitterte „Flickenteppich“-Struktur des Reiches systematisch reduziert wird. Reichsunmittelbare Territo-
rien werden zunehmend als Anachronismus verstanden; viele Reichsstädte befinden sich wirtschaftlich
im Niedergang und sind innerlich zerrissen – mit Ausnahmen, besonders den drei Hansestädten. 1803
erhalten einige Reichsstädte noch Aufschub: Frankfurt bleibt bis 1866 in Sonderstellung, Augsburg und
Nürnberg bis 1806. Daneben werden Reichsritter und Reichsdörfer in großem Umfang mediatisiert. Die
Mediatisierung ist hier die zweite Etappe der Neuordnung: Kleine selbstständige Herrschaften werden
in größere Fürstentümer eingegliedert. Noch einmal wichtig: Das ist keine Enteignung – privates Eigen-
tum bleibt erhalten –, aber politische Souveränität und Hoheitsrechte verschwinden.
Die Ursachen dieser Entwicklung sind mehrschichtig. Ein langfristiger Hintergrund ist die Aufklärung und
die damit verbundene Säkularisationsdebatte. Geistliche Fürstentümer geraten zunehmend in Kritik:
Man stellt offen infrage, ob geistliche Würdenträger weltliche Herrschaft ausüben sollten. Polemisch
wird das „verrottete Mönchtum“ kritisiert, und es entsteht die Forderung, kirchliche Güter und Strukturen
zugunsten „nützlicher“ Aufgaben umzuwidmen. Dazu kommt Kommerzialisierung: Land und Besitz wer-
den stärker als ökonomische Ressourcen betrachtet, und es kommt zu einer politischen und wirtschaft-
lichen Machtkonzentration bei den Territorialstaaten. Viele Akteure empfinden zudem die Struktur der
Reichsverfassung als schwerfällig: zu viele Rechte, zu viele Zwischenebenen, zu wenig Durchgriff. Der
unmittelbare Auslöser ist dann, wie beschrieben, die Französische Revolution samt Kriegen, Besetzung
und völkerrechtlicher Fixierung der linksrheinischen Abtretung, die die Entschädigungslogik überhaupt
erst zwingend macht.
Die Folgen sind enorm und lassen sich politisch-rechtlich, sozioökonomisch und kulturell/innerkirchlich
fassen. Politisch-rechtlich wirkt die Neuordnung wie ein kräftiger Schub in Richtung Entfeudalisierung
und langfristig auf das Ende der klassischen Ständegesellschaft. Rund 3,2 Millionen Menschen erhalten
einen neuen, weltlichen Landesherrn. In der Umverteilung treten deutliche Gewinner hervor: Preußen
erhält etwa das Fünffache an Entschädigung, Hessen-Darmstadt etwa achtfach, Baden etwa zehnfach.
Vor allem verschwindet die geistliche Staatenwelt aus der politischen Landschaft: betroffen sind 2 geist-
liche Kurstaaten, 1 Fürsterzbistum, 19 Fürstbistümer, 44 Reichsabteien, über 200 Klöster sowie 41
Reichsstädte (wobei Reichsstädte v.a. in der Mediatisierung betroffen sind). Aus der Vielfalt reichsun-
mittelbarer Sonderrechte entwickelt sich allmählich mehr Rechtsvereinheitlichung in den größeren Staa-
ten. Es entstehen einheitlichere territoriale Flächenstaaten, und genau daraus speist sich ein wesentli-
cher Teil moderner Staatlichkeit. Gleichzeitig setzen Reformprozesse ein oder werden beschleunigt:
Verwaltungsreformen, Rechtsreformen, staatliche Neuorganisation. Der Staat übernimmt zudem Aufga-
ben, die zuvor stark von kirchlichen Institutionen getragen wurden, etwa Bildung und Unterricht.
Sozioökonomisch ist die Säkularisation verbunden mit dem Beginn von Agrarreformen. Boden wird zu
einem frei handelbaren Gut; man spricht in diesem Zusammenhang von der Überwindung der „toten
Hand“, also des Problems, dass kirchlicher Besitz als dauerhaft gebundener Besitz dem Markt entzogen
ist. In der Praxis wird allerdings nicht überall massenhaft verkauft: in Bayern etwa nur rund ein Prozent;
eine Ausnahme bilden linksrheinische Gebiete, wo viele städtische Kaufleute Grund erwerben.
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