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Zusammenfassung Staatsexamen Neueste Geschichte - Skript

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Es handelt sich um eine ausführliche Zusammenfassung, die zur Vorbereitung auf das Staatsexamen in Geschichte - Lehramt - geeignet ist. Themen: 1. Das lange 19. Jahrhundert 1.1 Die Bevölkerungsexplosion 1.2 Auswanderung im 19. Jh. 1.3 Säkularisation und Mediatisierung 1.4 Montegelas und die Entstehung des modernen Bayern 1.5 Die „Bauernbefreiung“ in Preußen inkl. Agrarformen 1.6 Der Rheinbund 1.7 Der Wiener Kongress 1.8 Der deutsche Bund: Gründung, Verfassung und Entwicklung 1.9 Der Pauperismus: Ursachen, Folgen, Bewältigung 1.10 Kennzeichen der Industrialisierung / Wirtschaftszyklen 1.11 Nationalismus: Ursachen, Verbreitung und Wandel 1.12 Liberalismus: Politische und bürgerliche Bewegung 1.13 Die Revolution 1848/49: Ursachen, Grundbegriffe, Folgen 1.13.1 Verlauf und Zentralergebnisse 1.13.2 Bühnen, Akteure, Revolution 48 1.14 Reichsgründung und Verfassungssystem 1.14.1 Bismarck und die deutsche Frage 1.14.2 Das Verfassungssystem des Kaiserreiches: Machtzentren und Chancen 1.14.3 Das „persönliche Regiment“ (Wilhelm II.) 1.15 Kulturkampf und Sozialistengesetz 1.15.1 Kulturkampf: Ursachen, Verlauf, Folgen 1.15.2 Das Sozialistengesetz und seine Auswirkungen 1.15.3 Die Anfänge des modernen Sozial- und Interventionsstaates 1.16 Außenpolitik des Kaiserreichs 1.16.1 Leitlinien der Bismarck’schen Außenpolitik 1.16.2 Grundzüge Wilhelminischer Außenpolitik 1.16.3 Parteien und Verbände im Kaiserreich 1.17 Innenpolitik und 1. WK (14-18) 1.17.1 Grundzüge der Wilhelminischen Innenpolitik 1.17.2 Julikrise 1.17.3 Etappen und Ursachen des Zusammenbruchs 2. 1918-45 2.1 Außenpolitik der Weimarer Republik 2.2 Aufstieg des Nationalsozialismus in Bayern und München (1920) 2.3 Verfassungsgeschichte der Weimarer Republik 2.4 Der Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung 2.5 Internationale Geschichte – Beziehungen 2.6 Etablierung und Machtsicherung der NS-Diktatur (33/34) 2.7 NS-Außenpolitik 2.8 Widerstand gegen den NS 3 Themen nach Stex-Aufgaben-Ansicht für 19. Jh. 3.1 Revolution 1848/49 3.2 Dt. Kaiserreich 3.3 Soziale Frage 3.4 Dt.-Französische Beziehungen im 19. Jh. 3.5 Nationalstaaten bzw. Staatensystem 3.6 Antisemitismus 3.7 China und dt. Reich 1871 – 1918 3.8 Arbeiterbewegung im 19. Jh. 3.9 Wiener Kongress 2.0

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Staatsexamen: Neuzeit-Skript

Inhaltsverzeichnis


1 Das lange 19. Jahrhundert ..................................................................................................................... 2
1.1 Die Bevölkerungsexplosion ............................................................................................................. 3
1.2 Auswanderung im 19. Jh. ................................................................................................................ 4
1.3 Säkularisation und Mediatisierung ................................................................................................... 6
1.4 Montegelas und die Entstehung des modernen Bayern .................................................................. 10
1.5 Die „Bauernbefreiung“ in Preußen inkl. Agrarformen ...................................................................... 14
1.6 Der Rheinbund.............................................................................................................................. 18
1.7 Der Wiener Kongress .................................................................................................................... 21
1.8 Der deutsche Bund: Gründung, Verfassung und Entwicklung ......................................................... 24
1.9 Der Pauperismus: Ursachen, Folgen, Bewältigung ......................................................................... 31
1.10 Kennzeichen der Industrialisierung / Wirtschaftszyklen ................................................................... 34
1.11 Nationalismus: Ursachen, Verbreitung und Wandel ........................................................................ 39
1.12 Liberalismus: Politische und bürgerliche Bewegung ....................................................................... 43
1.13 Die Revolution 1848/49: Ursachen, Grundbegriffe, Folgen.............................................................. 47
1.13.1 Verlauf und Zentralergebnisse .............................................................................................. 47
1.13.2 Bühnen, Akteure, Revolution 48 ........................................................................................... 50
1.14 Reichsgründung und Verfassungssystem ...................................................................................... 54
1.14.1 Bismarck und die deutsche Frage......................................................................................... 54
1.14.2 Das Verfassungssystem des Kaiserreiches: Machtzentren und Chancen ............................... 58
1.14.3 Das „persönliche Regiment“ (Wilhelm II.) .............................................................................. 62
1.15 Kulturkampf und Sozialistengesetz ................................................................................................ 66
1.15.1 Kulturkampf: Ursachen, Verlauf, Folgen ................................................................................ 66
1.15.2 Das Sozialistengesetz und seine Auswirkungen .................................................................... 69
1.15.3 Die Anfänge des modernen Sozial- und Interventionsstaates................................................. 72
1.16 Außenpolitik des Kaiserreichs........................................................................................................ 75
1.16.1 Leitlinien der Bismarck’schen Außenpolitik............................................................................ 75
1.16.2 Grundzüge Wilhelminischer Außenpolitik .............................................................................. 78
1.16.3 Parteien und Verbände im Kaiserreich .................................................................................. 82
1.17 Innenpolitik und 1. WK (14-18)....................................................................................................... 85
1.17.1 Grundzüge der Wilhelminischen Innenpolitik ......................................................................... 85
1.17.2 Julikrise ............................................................................................................................... 89
1.17.3 Etappen und Ursachen des Zusammenbruchs ...................................................................... 92

2 1918-1945 [ZUSATZ FALLS NOCH ZEIT] ............................................................................................. 96
2.1 Außenpolitik der Weimarer Republik .............................................................................................. 96
2.2 Aufstieg des Nationalsozialismus in Bayern und München (1920) ................................................. 103
2.3 Verfassungsgeschichte der Weimarer Republik............................................................................ 107
2.4 Der Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung ............................................................................ 114
2.5 Internationale Geschichte – Beziehungen .................................................................................... 115
2.6 Etablierung und Machtsicherung der NS-Diktatur (33/34) ............................................................. 122
2.7 NS-Außenpolitik .......................................................................................................................... 130
2.8 Widerstand gegen den NS........................................................................................................... 135

3 Themen nach Stex-Aufgaben-Ansicht für 19. Jh. [WICHTIG!] ........................................................... 141
3.1 Revolution 1848/49 ..................................................................................................................... 141
3.2 Dt. Kaiserreich ............................................................................................................................ 145
3.3 Soziale Frage.............................................................................................................................. 151
3.4 Dt.-Französische Beziehungen im 19. Jh. .................................................................................... 152
3.5 Nationalstaaten bzw. Staatensystem ........................................................................................... 154
3.6 Antisemitismus............................................................................................................................ 159
3.7 China und dt. Reich 1871 – 1918................................................................................................. 161
3.8 Arbeiterbewegung im 19. Jh. ....................................................................................................... 163
3.9 Wiener Kongress 2.0................................................................................................................... 165

,1 Das lange 19. Jahrhundert


Zeitraum / Jahr(e) Thema Kerninhalt / Lernanker (vertieft)
Starkes Bevölkerungswachstum durch sinkende Sterblichkeit (Hygiene, Ernäh-
Bevölkerungsexplo-
ab ca. 1750–1850 rung) → Arbeitskräfteüberschuss, Landknappheit, Pauperismus, Auswande-
sion (2.1)
rung, Urbanisierung
Beginn des langen 19. Französische Revolution: Durchsetzung moderner Leitideen (Volkssouveräni-
1789
Jh. tät, Gleichheit, Nation) → politischer Referenzpunkt für ganz Europa
Ventil sozialer Spannungen; Ursachen: Pauperismus, Agrarkrisen, politische
ab ca. 1800–1880 Auswanderung (2.2) Verfolgung (z. B. nach 1848); Folgen: Entlastung Europas, transatlantische
Verflechtung
Reichsdeputationshauptschluss → Enteignung kirchlicher Territorien, Auflösung
Säkularisation & Medi-
1803 reichsunmittelbarer Herrschaften; Modernisierungsschub, aber Legitimitätsver-
atisierung (2.3)
lust des Alten Reiches
Montgelas & moder- Aufbau eines zentralisierten Verwaltungs- und Beamtenstaates; Trennung von
1799–1817
nes Bayern (2.4) Staat und Kirche; Rationalisierung von Finanzen, Justiz, Verwaltung
1807–1816 (bis Bauernbefreiung Preu- Aufhebung feudaler Bindungen; Übergang zu Privateigentum → Produktivitäts-
ca. 1850) ßen (2.5) steigerung, aber soziale Differenzierung (Landverlust vieler Bauern)
Satellitenstaaten Napoleons; Souveränität der Mitgliedsstaaten formell, faktisch
1806–1813 Rheinbund (2.6)
abhängig; Reformimpulse (Verwaltung, Recht, Militär)
Neuordnung Europas nach Napoleon; Prinzipien: Legitimität, Restauration, So-
1814/15 Wiener Kongress (2.7)
lidarität der Mächte; Verhinderung revolutionärer Umbrüche
Lockerer Staatenbund ohne Exekutive; Sicherung der Fürstenherrschaft; Unter-
1815–1866 Deutscher Bund (2.8)
drückung liberal-nationaler Bewegungen (Karlsbader Beschlüsse 1819)
Strukturelle Massenarmut durch Bevölkerungswachstum, Protoindustrialisie-
ca. 1815–1850 Pauperismus (2.9)
rung, Agrarkrisen; Herausforderung für traditionelle Armenfürsorge
Industrialisierung Übergang zur maschinellen Produktion; Eisenbahn als Leitsektor; Konjunk-
ab ca. 1820/30
(2.10) turzyklen (Boom & Krise); soziale Frage als Begleiterscheinung
ab ca. 1800 / ver- Entstehung kollektiver nationaler Identitäten; zunächst kulturell, später politisch;
Nationalismus (2.11)
stärkt ab 1815 enge Verbindung zu liberalen Forderungen
Kampf gegen absolutistische Strukturen; Forderung nach Verfassungen, Ge-
ab ca. 1815 Liberalismus (2.12)
waltenteilung, Grundrechten; bürgerlich geprägt
Revolution 1848/49 Zusammentreffen sozialer, politischer und nationaler Konflikte; erste gesamt-
1848/49
(2.13) deutsche Verfassungsbewegung
Verlauf & Ergebnisse Scheitern an fehlender Machtbasis, Uneinigkeit der Liberalen, Loyalität von Mili-
1848/49
(2.13.1) tär & Bürokratie zu den Fürsten
Akteure & Bühnen Paulskirche als Symbol nationaler Einheit; Spaltung zwischen gemäßigten und
1848/49
(2.13.2) radikalen Kräften
Bismarck & deutsche „Einigung durch Eisen und Blut“; nationale Integration bei Ausschluss demokra-
1862–1871
Frage (2.14.1) tischer Partizipation
1871 Reichsgründung (2.14) Nationalstaat „von oben“; nationale Einheit ohne politische Freiheit
Verfassungssystem Dominanz von Kaiser, Militär und Bürokratie; Reichstag mit begrenztem Ein-
ab 1871
Kaiserreich (2.14.2) fluss
Staatliche Kontrolle über Kirche; Integration des katholischen Milieus langfristig
1871–1878 Kulturkampf (2.15.1)
gescheitert
Sozialistengesetz Repression gegen SPD; paradoxer Effekt: Stärkung der sozialistischen Bewe-
1878–1890
(2.15.2) gung
ab 1880er Jahre Sozialstaat (2.15.3) Sozialgesetzgebung als Integrationsstrategie („Zuckerbrot und Peitsche“)
Bismarck‘sche Außen- Isolation Frankreichs, Friedenssicherung durch Bündnisse; Status-quo-Orientie-
1871–1890
politik (2.16.1) rung
Wilhelminische Au- Abkehr von Bündnissicherung; Weltpolitik, Flottenbau, internationale Spannun-
ab 1890
ßenpolitik (2.16.2) gen
Parteien & Verbände Politisierung der Gesellschaft; Massenparteien, Interessenverbände als neue
1871–1918
(2.16.3) Machtfaktoren
Wilhelminische Innen- Modernisierung bei politischer Blockade; wachsende soziale und politische
1890–1914
politik (2.17.1) Spannungen
1914 (Juni/Juli) Julikrise (2.17.2) Eskalation internationaler Bündnissysteme → Erster Weltkrieg
Erster Weltkrieg Totaler Krieg, Mobilisierung aller Ressourcen; militärische Niederlage und politi-
1914–1918
(2.17.3) sche Radikalisierung
Ende des langen 19. Revolution, Zusammenbruch des Kaiserreichs; Übergang zur Moderne des 20.
1918
Jh. Jahrhunderts


2

,1.1 Die Bevölkerungsexplosion

• zwischen 1740/50 und 1800: Wachstum im Alten Reich um 40-50 % (überdurchschnitt-
lich; Europa 30%, regional unterschiedlich), bereits 1798 Krisenszenario des anglikani-
schen Geistlichkeiten Robert Thomas Malthus „An Essay on the Principle of Population“
> Grenzen des Wachstums
• Zentrale These:
o Bevölkerung wächst exponentiell (geometrisch) → 1, 2, 4, 8, 16 …
o Nahrungsmittelproduktion wächst nur linear (arithmetisch) → 1, 2, 3, 4, 5 …
o unausweichliches Ungleichgewicht, führt zu Armut, Hunger, Krankheit, morali-
schem Verfall.
• Gründe: weniger Epidemien, überlokale Märkte, hygienische Verbesserung, leicht anstei-
gende Geburtlichkeit
• ebenso: verbesserte Agrartechnik (Fruchtwechsel, Düngung), steigende Nahrungsmittel-
produktion, Zunahme der Binnenwanderung und protoindustrieller Beschäftigungsmög-
lichkeiten (Heimarbeit, Textilgewerbe).
• „vorindustrielle Bevölkerungsweise“: verschwenderisch, hoher Umsatz an „Menschenle-
ben“ hohe Geburtlichkeit, im Vergleich zu später hohe Sterblichkeit (insbesondere Säug-
lings- und Kindersterblichkeit, sozial unterschiedlich), niedrige Eheschließungsquote:
regionale und lokale Heiratsbeschränkungen
• Grundsätzlich: Wachstum beschleunigt sich im 19. Jahrhunderts enorm, flacht zu Beginn
des 20. Jahrhunderts wieder ab; zwischen 1780 und 1914 Verdreifachung der auf dem
Territorium des Dt. Reiches Lebenden
• Begriff der „Bevölkerungsexplosion“ problematisch: eruptives Szenario (> verlief eher
langsam, wellenförmig und regional unterschiedlich, nicht sprunghaft.) und im Vgl. zum
Wachstum in den Schwellenländern des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts gering
• Verbindung von demographischem Wachstum und wirtschaftlicher Transformation
(„Bevölkerung als Ressource“); Arbeitskräftebasis für Industrialisierung und Urbanisie-
rung (Verstädterung).
• Das deutsche Beispiel (erhebliche europäische Abweichungen, s. Paulmann-Text):
• erste Phase des „demographischen Übergangs“ bis 1870:
o weiterhin überwiegend „vorindustrielle Bevölkerungsweise“; erhebliche
Schwankungen der Sterbeziffern
o Ursachen: Kriege und Nachholbedarf, Seuchen, Schwankungen der Ernteer-
träge, weiterhin hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit
o Regionen mit früher Industrialisierung (z. B. Ruhrgebiet, Sachsen) zeigen
bereits früher sinkende Sterberaten und steigende Binnenwanderung;
Verstädterung beginnt.
o Langsamer Wandel seit den 1850er Jahren: demographische Spitzenstellung
geht an industrielle Regionen über (dort am meisten Wachstum): eigene Kraft
und Zuwanderung; vom primär agrarisch zum primär industriell generierten
Wachstum
• zweite Phase von ca. 1870 bis 1900:
o sich öffnende Schere: Geburtenziffern bleiben hoch, Sterbeziffern beginnen
„nachhaltig“ zu sinken, Stärke der urbanen und industriellen Regionen,
„industrielle Bevölkerungsweise“
o Ursachen: rapider Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit; hygieni-
scher und medizinischer Fortschritt, Beispiele: Kindbettfieber, Cholera, Fieber-
thermometer, Assanierung: Pettenkofer (München), Aufhebung von Heiratsbe-
schränkungen, Sozialversicherungen; quantitativ messbar, qualitativer Wandel
o Ausbau kommunaler Infrastrukturen (Wasserversorgung, Kanalisation,
Müll-entsorgung), Entstehung moderner Gesundheitsverwaltung und
Seuchenpolitik; staatliche Eingriffe in öffentliche Hygiene nehmen zu.
o Wachsende Bedeutung des Staates als „biopolitischer Akteur“ (Gesundheits-
und Bevölkerungspolitik).

3

, • dritte Phase beginnt um 1900:
o Schere beginnt langsam, sich zu schließen, Geschwindigkeit des Wachstums
nimmt ab, Sterbeziffern sinken weiter, Geburtlichkeit geht zurück, Zahl der
Kinder pro Familie nimmt ab (zuerst im Bürgertum und in der Stadt; Vorreiter
jüdisches Bürgertum, Trend zur Zwei-Kind-Familie; in Arbeiter- und ländlichen
Familien teils weiterhin viele Kinder), dennoch europäische Gesellschaften
jung und dynamisch, „postindustrielle Bevölkerungsweise“, gekennzeichnet
durch einen geringen demographischen Umsatz (wenige Geburten, wenige
Todesfälle, wenig Migration)
o Ursachen: Kenntnis um Verhütungsmethoden nimmt zu, Hinwendung zum
einzelnen Kind („Entdeckung der Kindheit“ 1903 und der Jugend als eigene
Lebensabschnitte), ökonomische Bedeutung der Kinder nimmt ab, Säkulari-
sierung und Individualisierung des Lebens, Wandel der Geschlechterrollen
inkl. beginnende Frauenbewegungen
• Woher wissen wir das?
o Quellen: Kirchenbücher, statistische Ämter in Kommunen und Ländern, ab
1872 Kaiserliches Statistisches Amt, seit 1876 Reichsgesundheitsamt, seit
1875 alle fünf Jahre reichsweite Volkszählungen mit verbindlichem Merkmals-
katalog, den die Bundesstaaten leicht variierten: Geschlecht, Geburtsort
und -jahr, Familienstand, Religionsbekenntnis, Beruf, Wohnort usw.
• Entwicklung moderner Demographie als Wissenschaft (u. a. Wilhelm Lexis, Ernst Engel);
statistische Erhebungen ermöglichen langfristige Vergleiche und sozialpolitische
Planung.
o Ab 1880 auch erste internationale Vergleiche und Anfänge einer globalen
Bevölkerungsstatistik.

1.2 Auswanderung im 19. Jh.

• zwischen 5,5 und sechs Millionen deutsche Auswanderer im 19. Jahrhundert
(90% in die USA)
• Jahrhundert der Auswanderung (in Dtl. kurz vor 1900 Übergang zur Ein- und Transitwan-
derung); Europa 1815-1930: bis zu 60 Millionen; ab 1880er Jahren vorwiegend aus Süd-,
Südost- und Osteuropa
• wellenförmiger Verlauf in Dtl. > Reaktion auf Krisen, Reformen und konjunkturelle Zyklen
(Siemann fünf Phasen, Kocka drei); Paulmann: vier Migrationsregime: innereuropäische
Wanderungsbewegung, russisch-sibirisches System (Binnenmigration innerhalb des
Russischen Reiches nach Osten), proletarische Atlantikauswanderung (v.a. nach Nord-
amerika), imperial-koloniale Migration (Migration im Kontext der europäischen Expan-
sion.)
• Siemann – 5 Phasen:
o Frühphase (1815–1830)
▪ Beginn nach den Napoleonischen Kriegen
▪ Ursachen: Agrarkrisen, Bevölkerungsexplosion, wirtschaftliche Not auf
dem Land
▪ Ziele: vor allem Nordamerika (USA), auch Osteuropa und Russland
▪ Charakter: erste größere Auswanderungsbewegung aus Südwestdeutsch-
land (z. B. Baden, Württemberg, Pfalz)
o Hauptwelle I (1830–1850)
▪ Deutlicher Anstieg der Emigration
▪ Gründe: Agrarkrisen (v. a. 1840er), politische Unzufriedenheit, Pauperis-
mus (Massenarmut)
▪ Nach 1848 zusätzlich politische Emigranten („Forty-Eighters“)
▪ Stärkste Auswanderergruppe: Kleinbauern, Handwerker, Tagelöhner
o Rückgangsphase (1850–1870)
▪ Verbesserung der wirtschaftlichen Lage durch Industrialisierung

4

, ▪ Eisenbahnbau und Binnenwanderung nehmen zu → weniger Überseeaus-
wanderung
▪ Dennoch: fortgesetzte Abwanderung aus agrarischen Regionen
(z. B. Westpreußen, Pommern)
o Hauptwelle II (1880–1893)
▪ Zweiter starker Anstieg, besonders in den 1880er Jahren
▪ Ursachen: Agrarkrise durch billiges Getreide aus Übersee, soziale Span-
nungen auf dem Land
▪ Neue Zielregionen: Mittelwesten der USA, teilweise Südamerika
▪ Zunehmende Familien- und Kettenwanderung
o Endphase / Übergang (1893–1914)
▪ Starker Rückgang der Auswanderung
▪ Gründe: Industrialisierung in Deutschland → Arbeitskräftebedarf im Inland
▪ Übergang von der Auswanderungs- zur Einwanderungs- und Transitregion
(v. a. für Osteuropäer)
▪ Beginn moderner Migrationspolitik und Kontrolle
• ganz überwiegend ökonomische Motive (religiöse und politische zweitrangig)
> Jahrhundert der Not, keine leichte Entscheidung
• Unterscheidung von Pull- und Push-Faktoren:
o Push = „Abstoßfaktoren“ im Herkunftsland
(Armut, Hunger, politische Unterdrückung)
o Pull = „Anziehungsfaktoren“ im Zielland
(freie Landvergabe, Löhne, politische Freiheit)
• dt. Ausgangsräume: Auswanderung aus nicht- oder kaum industrialisierten Gebieten
dominiert (preußischer Nordosten sowie dt. Südwesten: Realteilungsgebiete, später auch
aus industriellen Räumen)
• Ankunftsräume: v.a. amerik. Mittelwesten, Frage der deutschen-amerikanischen Kultur,
etwa Presse, Vereine
• Beteiligung der Gemeinden, drastische Form der frühen Sozialpolitik
• Auf- und Ausbau einer Migrationsinfrastruktur (Agenturen, Vereine etc.)
> Auswanderung als Geschäft! (z.B. Eisenbahn, Schifffahrt, Hafenstädte)
• zunächst überwiegend (männliche) Einzelwanderung, vielfach saisonal, oft schrittweise,
daher eng verzahnt mit (europäischer) Binnenwanderung
• Ausdifferenzierung des Wanderungsgeschehens (Binnen-, Ketten-, Familien-, Einzel-,
Rück-, Transit-, Nahwanderung, gegen Ende des Jh.: Pendeln): außerordentlich dynami-
sches Jahrhundert, Gesellschaft in Bewegung
o Binnenwanderung – Migration innerhalb eines Landes, z. B. vom Land in die
Stadt.
o Kettenwanderung – Folge von Migrationen, bei der Verwandte oder Bekannte den
schon Ausgewanderten nachziehen.
o Familienwanderung – Auswanderung ganzer Familien gleichzeitig oder kurz
nacheinander.
o Einzelwanderung – Migration einer einzelnen Person, oft aus ökonomischen
Gründen.
o Rückwanderung – Rückkehr von Migranten in ihr Herkunftsgebiet.
o Transitwanderung – vorübergehende Migration durch ein Gebiet, bevor das
endgültige Ziel erreicht wird.
o Nahwanderung – kurze, regionale Wanderungen, meist nur wenige Kilometer
weit, oft zwischen Dörfern oder Städten in der Nähe.
• hohe Mobilität verstärkt Differenzerfahrungen: bürgerliche Wert- und Normvorstellungen,
sozialdarwinistische Argumente (> stärkere, fittere oder wirtschaftlich erfolgreichere
Menschen/Gruppen würden überleben bzw. sich durchsetzen, schwächere würden
„untergehen); massenhafte Flucht- und Vertreibungserfahrung = Phänomen des 20. Jh.
• These vom „Sicherheitsventil“ (Kocka): entschärft soziale Spannungen; Ausdruck partiel-
ler Rückständigkeit Europas, Zeichen des ambivalenten Fortschritts (Einerseits zeigt

5

, Migration wirtschaftliche und gesellschaftliche Dynamik (Mobilität, neue Märkte, kulturelle
Verbindungen) / Andererseits werden soziale Missstände und Ungleichheiten sichtbar,
weil Auswanderung nötig ist, um sie zu „lösen“
• also: Kocka sieht Auswanderung als doppelte Wirkung:
o Entlastung für die Gesellschaft → Sicherheitsventil.
o Ausdruck soz. Rückständigkeit, trotz moderner Entwicklungen → ambivalenter Fs
• aktuelle Forschung: Geschlechterverhältnisse, Rückwanderungsprozesse (> wer geht,
wer bleibt, wer zurückkehrt
• Wandlungen im 20. Jahrhundert:
o Zwangs- und Kriegsfolgenwanderung während und nach den Weltkriegen
o Zwangsarbeit („Ausländereinsatz“) v.a. Landwirtsch./Bergbau, Rüstungsindustrie
o restriktive (strenge, einschränkende, kontrollierte) Zuwanderungspolitik in der
Weimarer R.
o Rückgang der ökonomischen Motive, politische und ideologische Motive nehmen
zu (Emigration, politisches Exil, Vertreibungen und Deportationen)
o Zahlen: acht Millionen ausländische Arbeitskräfte in Deutschland; neun Millionen
Vertriebene aus den besetzten Gebieten (Ende 1944)
o nach Kriegsende 1945: 10-12 Millionen Displaced P. (vertriebene Personen)
o Bundesrepublik: Bombenkriegsevakuierte, Kriegsgefangene, Vertriebene
o Auswanderung: 1946-1961 rund 800.000 zumeist nach Nordamerika, aber auch
Europa und Australien
o seit 1950er Jahren Zuwanderung aus Süd- und Südosteuropa, aber auch DDR:
Kontext: „Wirtschaftswunder“/Auswanderung in die BRD, Anwerbestopp von
Ausländern 1973 BRD
o seit Ende der 1980er Jahre: Aussiedler (Teil von Rückwanderung)
o Asylrecht nach Artikel 16 GG > garantiert politisch Verfolgten in Deutschland
Schutz

1.3 Säkularisation und Mediatisierung

• zentrale Begriffe:
o Säkularisierung (im weiten Sinn) = jede Form von Verweltlichung
▪ seit der Aufklärung:
• Lockerung kirchlicher Normen und Bindungen
• Bedeutungsverlust kirchlicher Institutionen im öffentlichen Leben
• Zunahme nicht-religiöser Deutungsangebote (Vernunft, Wissen-
schaft, Staat, Nation etc.)
▪ Keine lineare Entwicklung (> in Wellen, mit Rückschlägen, Gegenbewe-
gungen und regionalen Unterschieden)
o Die schon in der Frühen Neuzeit zu beobachtenden Säkularisationen sind ein
Bestandteil des Säkularisierungsprozesses und lassen sich unterteilen in:
▪ Herrschaftssäkularisation: politische Herrschaft / Imperium
Die Aufhebung der landesherrlichen Gewalt eines geistlichen Reichsfürs-
ten und die Einverleibung seines Gebiets in ein weltliches Reichsfürsten-
tum
(betrifft das „Imperium“ eines bisher reichsunmittelbaren geistlichen
Fürsten).
• Konsequenzen:
• Der geistl. Fürst (Bischof, Abt etc.) verliert Rolle als Landesherr
• Sein Territorium wird Teil eines weltlichen Fürstentums
(z.B. Bayern, Baden, Preußen)
• Es geht hier um politische Macht und Hoheitsrechte, nicht primär
um Privateigentum
▪ Vermögenssäkularisation: Eigentum / Dominium


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