Sommersemester 2021
Kurs „Einführung in die Philosophie“
Dr. Benedikt Paul Göcke
1. Semester
2-Fach B.A. AVL/ Anglistik und Amerikanistik
Name: Defne Jule Mutlu
Matrikelnr.: 108021102646
E-Mail:
Der missverstandene Machiavelli in seinem Werk Il Principe
Mit der Offenheit und Nüchternheit mit der Machiavellis Werk Il Principe geschrieben wor-
den ist, ist es durchaus kein Wunder das er auf viele kritische Stimmen seit seiner Veröffentli-
chung trifft. Ihm wird oft vorgeworfen, mit dem Vorwand der politischen Effizienz jegliche
Art von Grausamkeit zu erlauben und etwaige Menschlichkeit damit auszulöschen. Und ob-
wohl Machiavelli in der Tat einen gewissen politischen Realismus vertritt, der das Amt des
Regierenden und sein Umfeld keinesfalls zu beschönigen versucht, sucht er die moralischen
Kräfte, soweit wie es ihm möglich erscheint, mit der politischen Führung vereinbar zu ma-
chen. Die Einhaltung von religiösen und moralischen Werten stehen bei ihm zwar nicht über
dem politischen Amt, wie es noch im Mittelalter der Fall war (Vgl. Münkler, 1983, S.331),
könnten jenes aber dennoch positiv beeinflussen. Somit führt für Machiavelli die Absenz von
Moral nicht notwendigerweise auch zu politscher Kompetenz, sondern allenfalls zur Verro-
hung und fehlendem Einfühlungsvermögen für das Volk.
Obwohl uns noch andere Schriften Machiavellis bekannt sind, wie zum Beispiel seine Discor-
si, will ich mich in diesem kurzen Essay auf seine wohl berühmteste Schrift Il Principe1 aus
dem Jahre 1532 fokussieren und versuchen abzuzeichnen, inwiefern Grausamkeit laut Ma-
chiavelli nur als ein Mittel der Notwendigkeit und keinesfalls als eines der bloßen Willkür
verstanden werden muss.
Die Quintessenz des Werkes ist auch das Hauptargument Machiavellis, welches Gewalt am
Volke rechtfertigbar machen soll. So liegt für Machiavelli in der offensichtlichen Unverein-
barkeit von „politischer Effizienz“ und „Normen sittlichen Handelns“ (Münkler, 1983, S.331)
ein Dilemma vor, welches zwangsläufig auf die Priorisierung einer dieser Blickwinkel hinaus-
liefe. Die Moral sieht er im politischen Feld als ein Hindernis, welches den Handelsspielraum
1
Für die Referenz im Essay wird eine deutsche Übersetzung verwendet (Quellverweis unten im Literaturver-
zeichnis).
1
, eines politischen Akteurs einschränke. So verurteilt er Politiker, die nur nach religiösen oder
moralischen Vorstellungen handelten ebenso sehr wie diejenigen die durch endlose Gewaltta-
ten versuchten ihre Tyrannei zu untermauern (Vgl. Rehberg, 2020, S. 58f., S.88). Effizienz
sieht er als eine Eigenschaft an, welche zur Erhaltung des Staates beiträgt und bedeutet für ihn
konkret, dass man eine gewisse Anpassungsfähigkeit besitzen sollte, welche einen unbere-
chenbar und undurchschaubar in den Augen seiner Feinde machen würde. Wurde man durch
seine moralischen Grenzen berechenbar, so ist Machiavelli überzeugt, würde der König mit
seinem Staat sich nicht halten können (Rehberg, 2020, S.100)
Um einen Staat erhalten zu können, betont Machiavelli im achtzehnten Kapitel, ist es notwen-
dig, die Charaktereigenschaften an den Tag zu legen, welche von der Öffentlichkeit geschätzt
werden. Ob diese nur vorgetäuscht oder tatsächlich gemeint sind, sind jedoch unwichtiger als
deren äußere Wirkung. So ist ein Herrscher, welcher nur uneinsichtig ist und beispielsweise
nur Grausames an den Tag legt, schnell verhasst und als Konsequenz extrem anfällig für Ang-
riffe und Verschwörungen (Vgl. Rehberg, 2020, S.100f.).
Entscheidend ist ebenfalls, wie diejenigen die im Staat, welche insgeheim die Macht inne hal-
ten, sei es die Armee oder das gemeine Volk, ideologisch und moralisch gesinnt sind. Der
Herrscher ist also gezwungen sich Ihren Wünschen und Ansichten anzupassen und kann nicht
seine eigenen moralischen Grenzen dieser Gruppe aufzeigen, andernfalls, so schließt er, wird
der Staat in die Hände dieser Gruppe gehen, und dadurch zerfallen (Vgl. Rehberg, 2020,
S.108). Man könnte hier kritisieren, dass ein Staat, welcher von einer Gruppe geleitet wird,
die moralisch „verdorben“ ist (Rehberg, 2020, S.108), es wert sei zu zerfallen und dass das
von Machiavelli priorisierte Ziel der Erhaltung des Staates hier seine Stellung nicht begrün-
den kann. Doch ist meiner Meinung nach die Ungewissheit und Anarchie, die mit einem Zer-
fall eines Staates ohne sichtbare Zukunft einher fällt, immer eine potentielle Gefahr; die eine
Gelegenheit für noch grausamere und inkompetentere Individuen bietet, sich durch glückhafte
Begebenheiten an die Spitze eines Staates empor zu heben.
Für Machiavelli war es eher eine Präventivmaßnahme einmalig grausam zu handeln, um grö-
ßere Katastrophen und Krisen zu vermeiden. Er führt in Kapitel sechzehn das Beispiel eines
geizigen Herrschers an und erachtet es für klüger, sparsam zu sein, als in Zeiten des Krieges
oder anderweiten Situationen wo auf Staatsfinanzen zurückgegriffen werden muss, das Volk
um diese erpressen und somit zwingen zu müssen (Vgl. Rehberg, 2020, S.91.f.). Er schreibt
sogar von zwei unterschiedlichen Arten der Grausamkeit, nämlich der „wohl angebrachten
Grausamkeit“ und der „schlecht angebrachten Grausamkeit“ (Rehberg, 2020, S.58). Die
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