Gleich zu Beginn des Vortrags wird deutlich, dass der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche
(1844-1900) eine Unterscheidung zwischen seinem eigenen Verständnis von „Bildung“
(Nietzsche, S. 257) und dem der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder vornimmt, indem er den
Begriff in Anführungszeichen setzt. Die in der Gesellschaft weit verbreitet Vorstellung von
Bildung sei nicht mit der wahrhaften Bildung gleichzusetzen. Nietzsches Auffassung von
Bildung bezieht sich auf die ästhetische Bildung, wobei er dem Schöpferischen eine besondere
Bedeutung zuschreibt.
Ausgehend von dieser Position kritisiert er die „zeitgemäß[e]“ (ebd., S. 395) Bildung, da sie
den Ansprüchen der wahrhaften Bildung nicht entspreche. Laut Nietzsche verweisen die
bildungspolitischen Entwicklungen der Zeit auf eine zwanghafte Anpassung des Menschen an
strenge Regeln, die die Freiheit einschränken und ein Hindernis für die „Vollkommenheit“
(Schmidt-Millard, S. 49) des Menschen darstellen. Eine wahrhafte, der Natur des Menschen
entsprechende Bildung stelle die Ausbildung der künstlerischen Kreativität dar (vgl. Nietzsche,
S. 207). Die „zeitgemäße“ Bildung, die auf den ersten Blick aufgrund ihrer modernen
Eigenschaft als positiv betrachtet werden kann, wird von Nietzsche kritisiert. Er betont, dass
sie den Menschen an der Weiterentwicklung hindert, indem sie ihn im „sein“-Zustand verharren
lässt (vgl. Nietzsche, S. 395).
Um den staatlichen „Interessen“ (Schmidt-Millard, S. 33) nachzukommen, scheinen die
Bildungsinstitutionen in ihren Bildungsmethoden spezifischen Strömungen zu folgen, die nicht
der wahren Natur des Menschen entsprechen. Es handele sich um einerseits dem „Trieb nach
möglichster Erweiterung und Verbreitung der Bildung, dann de[m] Trieb nach Verringerung
und Abschwächung der Bildung selbst“ (Nietzsche, S. 159).
Die „Erweiterung“ (ebd.) der Bildung, welche als der Ausbau enzyklopädischen Wissens
verstanden werden kann, leistet einen großen Beitrag zum Fortschritt der Menschen. Die
Expansion des Wissens wird von Nietzsche einer kritischen Überprüfung unterzogen, indem er
die große Stoffmasse mit der Fähigkeit, diese zu strukturieren, in Verbindung setzt. In den
Bildungsinstitutionen werden zahlreiche Inhalte sowie Kompetenzen vermittelt.
Demgegenüber positioniert sich die mangelnde Fähigkeit der Edukant_innen, den gelernten
Stoff in ein sinnvolles Konstrukt zu organisieren. Wissen wird isoliert voneinander vermittelt
und der Zusammenhang zwischen dem Gelernten bleibt unklar.
Auf den ersten Blick scheinen sich die „Expansion“ (Schmidt-Millard, S. 34) und Reduktion
der Bildung völlig zu widersprechen. Der Einbezug der qualitativen sowie quantitativen
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