Die Kurzgeschichte „Der Vorzugsschüler“ aus dem Jahr 1969, geschrieben von Thomas Bernhard in
Frankfurt am Main, befasst sich mit der Angst vor dem Unbekannten und Leistungsdruck sowie mit
unterdrückten Ängsten.
Die Erzählung erfüllt die Merkmale einer Kurzgeschichte, da sie sich auf einen kurzen Moment, in
diesem Fall den Traum, fokussiert und sich auf wenige Figuren konzentriert. Die Handlung ist kurz, ein
Wendepunkt, das Erwachen, ist vorhanden und vieles wird nur angedeutet, wodurch die Deutung frei
interpretiert werden kann.
Der Ausgangspunkt der Handlung ist ein Albtraum, in dem der Vorzugsschüler eine Rechenaufgabe
nicht lösen kann und vom Lehrer bloßgestellt wird. Die Mitschüler reagieren mit Schadenfreude und
stoßen ihn in einen Kanal. Am nächsten Tag traut er sich nicht, in die Schule zu gehen. Am Ende
erwacht er aus dem Traum, behält ihn jedoch für sich.
Der Vorzugsschüler erscheint fleißig und perfektionistisch, doch zugleich innerlich unsicher, was das
Motiv der Kurzgeschichte darstellt. Er möchte nicht für dumm gehalten werden und daher nicht
bloßgestellt werden. Auch seinen Eltern gegenüber fürchtet er die Bloßstellung (Z. 18 f.). Lehrer,
Mitschüler und Eltern verstärken zusätzlich diesen Druck.
Von der formalen Hinsicht her ist der Text linear aufgebaut und endet mit dem Erwachen. Die
personale Erzählperspektive ermöglicht einen Einblick in die Sichtweise des Schülers, jedoch bleiben
seine Gedanken dem Leser verborgen.
Sprachlich dominiert eine gehobene und sachliche Sprache mit hypotaktischen Strukturen. Stilmittel
wie Metaphern des Kanals (Z. 9) und, dass das Leben des Vorzugsschülers mehr Methode hat als das
Leben der Erwachsenen (Z. 1 f.), verstärken das Gefühl von Überforderung.
Insgesamt zeigt Bernhard, dass hinter äußerem Leistungsdruck und Perfektionismus tiefe, verdrängte
Ängste stehen, die den Schüler stark belasten.