Teil 2: Entwicklungspsychologie des Kindes- und
Jugendalters
1. Selbstkonzept und Fähigkeitsselbstkonzept (FSK)
1.1 Definition und Grundlagen
• Allgemeines Selbstkonzept: Das Selbstkonzept umfasst die Gesamtheit der
kognitiven Annahmen, Bewertungen und Wissensstrukturen, die ein Individuum
über die eigene Person besitzt. Es entsteht aus der Verarbeitung eigener
Erfahrungen und den Rückmeldungen der Umwelt.
• Struktur: Es bildet die oberste, hierarchisch gegliederte Ebene, aus der kognitive
Prozesse hervorgehen.
1.2 Das I-Me-Modell nach William James
William James unterscheidet zwei grundlegende Aspekte des Selbstkonzepts:
• Das „I“ (Ich als Subjekt): Das erlebende, handelnde Ich. Es stellt den inneren
Akteur dar, der wahrnimmt, fühlt, denkt und im Moment agiert.
• Das „Me“ (Ich als Objekt): Das beobachtete und beschriebene Selbstbild. Es
umfasst das Wissen über sich selbst und die eigenen Rollen (z. B. als Freundin
oder Schülerin). Dieses Bild ist durch wiederholte Erfahrungen und Bewertungen
stabiler.
o Beispiel: Der Gedanke „Ich bin eine gute Schülerin“ ist eine stabile
Bewertung auf der Ebene des „Me“.
1.3 Das hierarchische Selbstkonzeptmodell (Marsh)
Das allgemeine Selbstkonzept stellt eine globale Einschätzung der eigenen Person dar
(z. B. „Ich bin zufrieden mit mir“). Es unterteilt sich in zwei große Bereiche: das
akademische und das nicht-akademische Selbstkonzept.
• Akademisches Selbstkonzept (Schulisches Selbstkonzept): Dieser Bereich
bezieht sich auf die Leistungs- und Lernbereiche in der Schule. Er umfasst die
Bewertungen in den einzelnen Schulfächern und beeinträchtigt oder fördert die
Motivation.
• Nicht-akademisches Selbstkonzept: Dieser Teil betrifft alle anderen
Lebensbereiche außerhalb des reinen schulischen Lernens. Er gliedert sich in:
o Soziales Selbstkonzept: Bezieht sich auf Freunde und die eigene
Beliebtheit.
o Emotionales Selbstkonzept: Betrifft die eigene Gefühlsregulation.
, o Physisches Selbstkonzept: Umfasst die Sportlichkeit und das körperliche
Aussehen (z. B. „Ich sehe gut aus“).
1.4 Entwicklung des Fähigkeitsselbstkonzepts (FSK) nach Vollmeyer
• Kindergartenalter: Kinder halten sich für fähig, alles zu tun. Sie besitzen eine
unrealistisch hohe Selbstwirksamkeitserwartung, sind sehr lernzielorientiert und
nutzen kaum soziale Vergleiche.
• Alter von 7–8 Jahren: Es kommt zur Annahme, dass Fähigkeiten stabil sind. Hier
setzt die erste Bereichsdifferenzierung ein (z. B. „Ich bin in Mathe besser als in
Deutsch“) und es finden erste soziale Vergleiche statt, was zu einer
Leistungszielorientierung führt.
• Alter von 10–12 Jahren: Das FSK wird realistischer, dadurch aber auch
verletzlicher. Misserfolge wirken sich nun stärker auf das
Fähigkeitsselbstkonzept aus. Nach häufigem Versagen droht ein Zustand der
Hilflosigkeit. Zudem differenzieren sich die Interessen in dieser Phase
zunehmend aus.
1.5 Empirie und Effekte im schulischen Kontext
• Schulisches Selbstkonzept nach Gerlach: Das schulische Selbstkonzept wird
extrem stark durch den sozialen Vergleich mit den Mitschülern beeinflusst.
• Der Big-Fish-Little-Pond-Effekt (Marsh): Dieser Effekt besagt, dass man
automatisch eine schlechtere eigene Einschätzung der Fähigkeiten besitzt, wenn
man von lauter starken Schülern umgeben ist. Derselbe Schüler hat in einer
schwächeren Klasse ein höheres FSK.
• Abgrenzung zu Identität: Während das Selbstkonzept eher bereichsspezifisch
und flexibel durch Vergleiche entsteht, ist die Identität umfassender,
überdauernder und integriert emotionale, soziale sowie moralische Aspekte der
Persönlichkeit.
1.6 Pädagogische Förderung des Selbstkonzepts in der Schule
• Individuelle Bezugsnormorientierung: Die Lehrkraft sollte die Leistung eines
Schülers an seinen eigenen Fortschritten messen. Dadurch werden auch kleine
Schritte sichtbar.
• Attributionen: Es sollten selbstwertdienliche und lernförderliche
Ursachenzuschreibungen gefördert werden, indem Erfolge auf Fähigkeit und
Misserfolge auf veränderbare Faktoren zurückgeführt werden.
• Feedback: Schüler benötigen ein differenziertes und ermutigendes Feedback im
Unterricht.
• Praktische Methoden: Der Einsatz von Lerntagebüchern („Das kann ich schon“),
kooperativem Lernen sowie das gezielte Hervorheben von individuellen Stärken
stabilisiert das Selbstkonzept.
, 2. Interessensentwicklung
2.1 Definition und Arten von Interesse
Interesse bezeichnet den prozesshaften Aufbau und die Veränderung von Zuwendung
zu Themen, Tätigkeiten und Gegenständen. Es wird unterscheidet in:
• Situatives Interesse: Eine spontane Zuwendung zu einem Gegenstand, die durch
die aktuelle Auseinandersetzung angeregt wird und stark kontextabhängig ist.
• Individuelles Interesse: Ein stabiles Personenmerkmal, das über lange Zeit
dauerhaft besteht und fester Bestandteil einer Person ist (z. B. ein konkreter
Berufswunsch).
2.2 Verlauf der Interessensentwicklung (Krapp et al.)
• Universelle Interessen (ab 1 Jahr): Kleinkinder zeigen ein breites, universelles
Interesse, das personbedingt, sachbedingt oder beides sein kann.
• Geschlechtsspezifische Interessen (ab 1,5 Jahren): Diese zeigen eine besonders
starke Ausprägung im Vorschulalter (z. B. Fahrzeuge vs. Puppen).
• Altersspezifische Interessen: Jugendliche orientieren sich stark an Gleichaltrigen
und den Trends der Konsumgesellschaft, wodurch eine Wechselwirkung
zwischen Individuum und Kultur entsteht.
• Schulisch-akademische Interessen: Hierbei versuchen Schüler, Schulfächer mit
persönlichen Anliegen und Themen zu verbinden. Empirisch zeigt sich jedoch,
dass das Interesse insbesondere in den Naturwissenschaften im Laufe der
Schulzeit drastisch sinkt. Diese Interessen fließen später auch in die beruflichen
Interessen ein.
• Berufliche Interessen: Bei kleineren Kindern entscheiden rein äußere Merkmale
über den Berufswunsch. Größere Kinder wägen zunehmend zwischen dem
eigenen Interesse und dem tatsächlichen Können ab, bis es im Jugendalter zur
Stabilisierung kommt. Bei Jungen stehen oft Autonomie, Durchsetzung und
Leistung im Vordergrund, während Mädchen eher persönliche und prosoziale
Werte priorisieren.
2.3 Entwicklungstrends und Probleme in der Schule
• Allgemeiner Grundtrend: Je älter das Kind wird, desto mehr Bedeutung gewinnen
Übung und Erfahrung.
• Positiver Trend: Die intellektuellen Fähigkeiten (z. B. das logische Denken)
schreiten biologisch-natürlich voran – allerdings nur unter der Bedingung, dass
sie aktiv geübt werden (wie Lesen und Rechnen).
• Negativer Trend: Die motivational-emotionale Entwicklung bricht im Jugendalter
oft ein. Die Lernfreude und Motivation nehmen deutlich ab, da die Schule zu
wenig handlungsorientiert und interessenbezogen ist. Zudem wirkt ein Zuwachs
an Leistungsschwäche demotivierend. Laut Helmke sinkt die Lernfreude in
Mathe kontinuierlich, was besonders ausgeprägt bei Mädchen zu beobachten
ist. Das Fachwissen wird oft als zu wissenschaftlich und ohne ausreichenden
Alltagsbezug erlebt.