Teil 3: Pädagogische Psychologie und Lehr-Lern-
Forschung
1. Problemlösen und Problemlösendes Denken
Problemlösen beschreibt den Prozess, einen Ausgangszustand (IST) über eine Barriere
hinweg in einen Zielzustand (SOLL) zu überführen, wenn das Individuum im Moment
nicht weiß, wie es dorthin gelangen soll. Man unterscheidet verschiedene Formen des
Denkens beim Lösen von Problemen:
• Problemlösendes Denken: Die zielgerichtete Überwindung einer Barriere vom
Ausgangszustand zum Zielzustand.
• Urteilendes Denken: Das bewusste Abwägen von Alternativen, beispielsweise ob
man lieber Option A oder Option B wählen sollte.
• Schlussfolgerndes Denken: Das klassische logische Denken. Ein Beispiel hierfür
ist: Wenn aus A die Bedingung B folgt und aus B die Bedingung C, dann folgt
logisch, dass aus A auch C resultiert.
• Induktives Denken: Eine Wahrscheinlichkeitsabschätzung auf der Basis von
gesammelten Erfahrungen, wie etwa die Einschätzung, wie der Himmel kurz vor
einem Regenschauer aussieht.
• Kreatives Denken: Das Entwickeln von völlig neuen Ideen und innovativen
Lösungsansätzen.
1.1 Arten von Problemen
Probleme lassen sich anhand ihrer Zielklarheit und Struktur einteilen:
• Gut definierte Probleme (well-defined): Diese zeichnen sich durch ein klares Ziel
aus. Der Lösungsweg ist bekannt oder eindeutig ermittelbar und es existieren
klare Lösungskriterien. Ein typisches Beispiel aus der Schule ist eine klar
strukturierte Mathematikaufgabe.
• Schlecht definierte Probleme (ill-defined): Hierbei ist das Ziel unklar oder
verschwommen und der Lösungsweg bleibt unsicher. Zudem gibt es keine
eindeutigen Lösungskriterien. Diese Probleme tauchen im realen Leben auf, wie
etwa in der komplexen Weltraumforschung, und sind oft unerreichbar ohne völlig
neue Ansätze.
,1.2 Phasen des Problemlösens (nach Funke, 2008)
Der Prozess des Problemlösens verläuft nach Funke in einer Abfolge von sechs
Schritten, die zum Teil spontan und unbewusst beginnen:
1. Auftauchen des Problems: Das erste Bemerken einer Barriere zwischen dem IST-
und dem SOLL-Zustand. Dieser Schritt geschieht eher spontan und unbewusst.
2. Probierverhalten: Das Individuum versucht, das Problem mit bereits bekannten
Strategien zu lösen, was jedoch zunächst zu keinem Erfolg führt.
3. Umstrukturierung: Es erfolgt ein Wechsel der Perspektive. Das Problem wird im
Denken neu angeordnet und wahrgenommen.
4. Einsicht: Der Moment, in dem plötzlich ein neuer, erfolgversprechender
Lösungsansatz auftaucht.
5. Anwendung: Die gefundene Lösung wird aktiv ausprobiert und führt eventuell zum
Erfolg.
6. Transfer: Die erfolgreichen Erfahrungen aus der gelösten Problemsituation
werden auf ähnliche, neue Probleme übertragen. Das Gelernte kann somit
abgerufen und in neuen Situationen angewendet werden.
1.3 Die IDEAL-Strategie (nach Bransford)
Um Schülern das Lösen von Problemen strukturiert beizubringen, wird in der Praxis die
IDEAL-Strategie gezielt vermittelt, die eine konkrete Anleitung bietet:
• I (Identify): Das Problem präzise identifizieren.
• D (Define): Das Problem genau definieren und eingrenzen.
• E (Explore): Mögliche Strategien explorieren und erkunden.
• A (Act): Aktiv auf Basis der ausgewählten Strategien handeln und sie umsetzen.
• L (Look back): Rückschau halten, den Prozess reflektieren und daraus lernen.
, 1.4 Expertise vs. Novizentum
Das vorhandene Vorwissen spielt beim Problemlösen eine entscheidende Rolle, da
Wissen den Denkprozess hocheffizient macht. Ein Experte verfügt über einen sehr
hohen Wissensstand auf seinem Fachgebiet, während ein Novize sich erst mühsam in
ein neues Thema einarbeiten muss.
Experten erkennen dadurch schnell zugrundeliegende Muster und besitzen ein
umfangreiches, vernetztes Wissen. Dies ermöglicht ihnen eine selektive
Aufmerksamkeit, sodass sie sich im Gegensatz zu Novizen sofort auf das Wesentliche
konzentrieren können. Zudem denken Experten strategisch vom IST-Zustand hin zum
SOLL-Zustand, während Novizen diesen Prozess oft umgekehrt angehen. Experten
überwachen ihr Vorgehen kontinuierlich selbst mittels Metakognition.
Dieser Zusammenhang wurde in der Schachstudie von Gruber empirisch untersucht.
Dabei wurden 24 Schachnovizen und 24 Schachexperten Schachstellungen gezeigt mit
dem Ziel, die besten Zugmöglichkeiten zu finden. Das Ergebnis zeigte, dass die Experten
bei exakt gleicher Grundintelligenz viel strukturierter und strategischer vorgingen als die
Novizen. Das Problemlösen hängt somit fundamental vom spezifischen Vorwissen ab.
1.5 Förderung von Problemlösefähigkeiten
Die Förderung im Unterricht kann auf zwei Wegen erfolgen:
• Direkte Förderung: Dies umfasst die gezielte Vermittlung von Anleitungen wie der
IDEAL-Strategie, Coaching-Ansätze, das methodische „laute Denken“ oder das
Bereitstellen von Scaffolding (strukturierenden Hilfestellungen).
• Indirekte Förderung: Hierbei gestaltet die Lehrkraft eine geeignete
Lernumgebung, die das Problemlösen anregt. Dazu gehören das Ermöglichen
von Kooperationen, eine positive Kultur des Lernens durch Fehler sowie das
selbstständige, entdeckende Lernen durch aktives Tun.