Sprachliche Gestaltung:
Präzise, häufig dokumentarisch-sachliche Sprache und elliptisch verknappter Syntax als Ausdruck des existenziellen
Spannungsfeldes zwischen individuellem Streben der Figuren und ihrem schicksalhaften Ausgeliefertsein an die
Heimsuchungen ihrer Zeit
Fehlender wertender Kommentar (Tod der Juden) lässt Vorgang für sich sprechen und erhöht Schockwirkung
Andeutungen, Assoziationen, Mehr- und Doppeldeutigkeiten; Symbole, Personifikationen und Metaphern;
Wiederholungen und Leitmotive
Fachvokabular: Aufzeigen des Zynismus der NS-Zeit auch durch euphemistische Begriffe; Kontrastierung der
fachlichen juristischen Perspektive (Restitution) zur emotionalen Betrachtung Unangemessenheit und
Unmenschlichkeit der Sprache der Rechtswissenschaft, welche den persönlichen Verlust nicht erfassen können;
außerdem Geologie und Bautechnik
Form und literarische Technik
Aufbau: Prolog und Epilog als Erzählrahmen; Elf Kapitel, die Lebensgeschichten der verschiedenen Figuren
charakterisieren mit eingeschobenen Kapiteln über den Gärtner (Ergänzung von Informationen)
Fragmentarisches Erzählen: Darstellung von Geschehnissen und Situationen nur in Ausschnitten, die zeitlich versetzt
vermittelt werden; Verständlichkeit erst ab nachfolgenden Informationen; z.B. Kapitel des Unterpächters:
Zusammenbrechen der Frau und Hintergrund erst später im Kapitel + Einschübe des Mannes von Erinnerungen
Nicht-chronologisches Erzählen: in Bezug auf die Zeitgeschichte chronologisch aber in Bezug auf die
Lebensgeschichten der einzelnen Figuren nicht chronologisch aufgrund von Rückblenden (Analepsen);
Vorwegnahme eines Geschehens (Prolepsen) z.B. durch den Architekten in Bezug auf die Flucht
Erzähltempus: Passagen in der Gegenwart im Präsens, Passagen in der Vergangenheit im Imperfekt mit Ausnahme des
Tuchhändlers (dauerhaft Präsens)
Frequenz von Ereignissen (Genette): Mehrmalige Erwähnung von Ereignissen (z.B. Kauf des Nachbargrundstücks
materieller Gewinn und existenzieller Verlust; Verbindung durch Kiefer für Ludwig und das Mädchen; Verstecken
von zwei Frauen im Wandschrank) Verbindungen zwischen den Kapiteln und Figuren
Erzählter Raum: Schauplatz von Handlungen; enge Beziehung zu Figuren; räumliche Gesamtanordnung weist auf das
Thema und grundlegende Konflikte hin
Chronotopos (Wechselbeziehung von Raum und Zeit nach Michael M. Bachtin): Haus – Ort der Verdichtung der Zeit
und Zusammenführung der individuellen Lebensgeschichten; Manifestierung der Zeit im Raum durch die Bewegung
der Figuren und die Erinnerung an die Vergangenheit; Raum gewinnt neben individueller Bedeutung auch eine
historische Bedeutung
Erzählperspektive:
Multiperspektivisches Erzählen: meist personales Erzählen mit Innensicht teils aber Verschiebung hin zu
auktorialer extradiegetischer Erzählinstanz („ohne dass sie es wusste“; Tod des Tuchhändlers und seiner Enkelin
Doris); Besonderheiten in den Gärtner Kapiteln (keine Innensicht, Gerüchte der Dorfbewohner werden nicht negiert)
mystischer und rätselhafter Mensch
Kapitel des Großbauern: Stil eines Berichts, Segmentierung durch Aneinanderreihung von Regeln und Gebräuchen
Denken und Handeln der Personen von dörflichen Regeln bestimmt; Klaras Verwirrtheit durch sinnlose Reime/ Rätsel
Verhältnis der Erzählzeit zur erzählten Zeit: die erzählte Zeit überschreitet in nahezu allen Kapiteln die Erzählzeit
Zeitraffung; aber auch Zeitsprünge und Leerstellen
Verknüpfung der Kapitel: Wiedergabe desselben Ereignisses; Personengeflecht; Analogien (z.B. 6%);
Leitmotivtechnik und Dingsymbole (Vergraben und Wiederfinden von Gegenständen); Gestaltung und Umgestaltung
von Haus und Garten
, Interpretationsansätze
Heimat:
Unterschiedliche Bedeutung von Heimat für die einzelnen Figuren bedingt durch Geschichte/ Politik werden diese
aus der möglichen Heimat vertrieben; Verbindung durch den Wunsch zu bleiben
- Heimat als Besitz/ Erbe (Kaufvertrag des Wurrach; Volkseigentum der DDR, Rückerstattungsansprüche der
eigentlichen Besitzer im Westen (Restitution Materieller Wert wird über emotionalen Wert gesetzt)
- Schaffen von Heimat (Architekt): Heimat entsteht erst in einem Prozess des Planens und Bauens, wodurch
das Zuhause Teil seiner Identität wird („dritte Haut“); Personifikation des Hauses (z.B. Vergleich des kleinen
Fensters mit einem Auge, „ihm keine Knochen zerbrechen“), Flucht bedeutet ein Teil seiner selbst
zurückzulassen
- Heimat als Schutzraum (Frau des Architekten): Symbol für Heimat und Geborgenheit („Gehege“), aber
auch Ort, an den sie gebunden ist („am liebsten ihr ganzes Leben lang auf Tournee gewesen wäre“) aber auch
Heimat als Falle (sexuelle Handlung mit Rotarmisten)
- Neue Heimat/ Heimat als Sicherheit (Ludwig): Aufbau einer neuen Heimat in Südafrika und ständiger
Vergleich mit alter Heimat Spannungsverhältnis zwischen zwei gleichzeitig existierenden Heimaten;
Apartheid und rassistische Unterdrückung in Südafrika (Vergleich zu NS); der verlorene Ort wird zu einem
Sehnsuchtsort
- Subjektive Heimatsbilder (Mädchen): Gedanken an glückliche Tage am Seegrundstück während des
Versteckens im Warschauer Ghetto Gefühl von Heimat, Geborgenheit, einer intakten Welt und Hoffnung
„Und so lange sie noch irgendetwas auf dieser Welt kennt, ist sie noch nicht in der Fremde“
Gegenüberstellung der Fremde/ Einsamkeit mit Vertrautheit/ Verbundenheit mit einem anderen Teil der Welt
„Neben ihr gehen andere, die sie nicht kennt, […] jetzt gehen alle endlich für immer heim“] Heimat in
Assoziation mit dem Tod und Himmel als Heimat des Christens
- Heimat als Kindheitserinnerung (Der Kinderfreund): Heimat ist mit Kindheit und seiner Jugendfreundin
verbunden endete mit dem Abschied
- Heimatland (Rotarmist): Heimat liegt im entfernten Russland („Dort, wo seine Heimat war“); unschuldiges
russisches Dorf, das im Kontrast zum moralisch zweifelhaften Verhalten deutscher Frauen steht, Untergang
dieser Welt nach Ermordung der Eltern; Sympathielenkung, um Empathie mit dem russischen Soldaten zu
empfinden
- Heimat als fremdgewordener Ort (Die Besucherin): Raum der Zugehörigkeit ist die Heimat in Masuren, die
sich stark von dem Sommerhaus unterscheidet;
„Im Grunde fällt es ihr sogar leichter, fremd zu sein in der Fremde, weil das Fremdsein ihr so vertraut, ist“
Anspielung auf Arbeit als Magd auf eigenen Bauernhof – schwieriger als fremd in der Fremde zu sein;
Aufbau einer Inneren Heimat (Bilder, Gerüche, Töne) und Verbindung mit gegenwärtigen Leben
- Politische Bedeutung (Schriftstellerin): Heimatbegriff ist primär politisch verortet, Bezug auf Deutschland in
den wechselnden politischen Phasen; Thematisierung der Heimkehr aus dem Exil
„I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m“ aber Heimkehr ist wie die mehrfache Wiederholung des Satzes andeutet erschwert,
damals: „Ich will heim, nur heim, dass hatte sie damals selbst oft gedacht“ im russischen Exil aber
Veränderung der Heimat durch Schrecken des Krieges, Nationalsozialismus und die brutale Ermordung der
Juden
Gesellschaftspolitisches Anliegen die Heimat zu bewahren/ zurückzugewinnen: „[..] mit dieser
Schreibmaschine hatte sie all die Worte getippt, die die deutschen Barbaren zurückverwandeln sollten in
Menschen und die Heimat in Heimat“ Wendung gegen Verlust von Humanität und Entmenschlichung im
Nationalsozialismus (Holocaust)
„Aber ihr, der kein Land mehr, sondern die Menschheit die Heimat sein sollte, blieb der Zweifel für immer als
Heimweh“ Menschlichkeit als oberster Wert ihres Verständnisses von Heimat, die an keinen Ort gebunden
ist; Zweifel an der DDR: Desillusionierung über die neue Führungselite und Praktiken der Privilegierung
Einzelner, Entfremdung zwischen Bauern und sozialistischem Staat („Fremde Worte, die ihnen nicht selbst im
Mund gewachsen sind“)
- Heimat als Sprache (Sohn der Schriftstellerin) “ähnlich ginge, als wenn er jemanden Russisch sprechen
höre, die Sprache des Landes, in dem er geboren worden war“ (S.175)
- Die Erde als Heimat der Menschen im Kontrast zu Natur und Ewigkeit (Gärtner)