Das Kolosseum (Amphitheatrum Flavium): Monografie des monumentalen Wahrzeichens des Römischen
Reiches
Kapitel 1: Einleitung, Nomenklatur und politischer Kontext
Das Kolosseum im Zentrum Roms – antikal als Amphitheatrum Flavium bekannt – ist der größte
geschlossene Bau der römischen Antike und das größte je errichtete Amphitheater der Welt. Als
Meisterwerk der antiken Ingenieur- und Architekturkunst symbolisiert der Bau sowohl die funktionale
Dynamik der römischen Massenkultur als auch die politische Repräsentationsmacht des Römischen
Kaiserreichs.
Der Bau der Arena geht auf die Initiative von Kaiser Vespasian zurück, dem Begründer der Flavier-
Dynastie. Nach den blutigen Wirren des Vierkaiserjahres 69 n. Chr. und der Tyrannei Neros benötigte
das neue Herrscherhaus ein wirkungsvolles Propagandaprojekt zur Stabilisierung seiner Legitimität.
Vespasian wählte dafür ein Areal mit hoher symbolischer Bedeutung: Das Sumpftal zwischen den Hügeln
Esquilin, Caelius und Palatin, auf dem Nero zuvor den künstlichen See seiner prunkvollen Residenz
Domus Aurea hatte anlegen lassen. Durch die Trockenlegung des Sees und die Errichtung eines
öffentlichen Vergnügungsbauwerks gab Vespasian der römischen Bevölkerung das von Nero
beanspruchte Land demonstrativ zurück.
Die Bauarbeiten begannen um 70–72 n. Chr. Die Einweihung erfolgte im Jahr 80 n. Chr. unter Vespasians
Sohn und Nachfolger Titus mit spektakulären, hundert Tage andauernden Spielen. Die endgültige
Fertigstellung und Erweiterung (insbesondere des Hypogäums und der obersten Sitzreihen) vollendete
Vespasians zweiter Sohn, Kaiser Domitian, um 82 n. Chr.
Der Name Amphitheatrum Flavium verwies auf die herrschende Dynastie. Die heute gebräuchliche
Bezeichnung „Kolosseum“ (Colosseum) setzte sich erst im Frühmittelalter (ab dem 8. Jahrhundert)
durch. Sie leitet sich nicht von den Ausmaßen des Bauwerks selbst ab, sondern von der Kolossalstatue
Neros (Colossus Neronis), einer über 30 Meter hohen Bronzestatue, die von Nero nahe der Stelle des
späteren Amphitheaters errichtet und unter nachfolgenden Kaisern in eine Sonnengott-Statue
umgewandelt worden war.
Kapitel 2: Architektur, Statik und Materialwissenschaften
Das Kolosseum ist eine architektonische Glanzleistung, die klassische Ästhetik mit hochentwickelter
Massenlogistik und Materialökonomie vereinte.
Geometrie und Dimensionen: Das Bauwerk steht auf einem gewaltigen, elliptischen Grundriss mit einer
Hauptachse von 188 Metern und einer Nebenachse von 156 Metern. Der Umfang der Außenfassade
beträgt 527 Meter, während die ursprüngliche Höhe des Außenrings knapp 48,5 Meter erreichte. Das
Baufeld ruht auf einem bis zu 13 Meter tiefen Ringfundament aus massivem Gussbeton (Opus
caementicium).
Materialdifferenzierung nach Statik: Die römischen Baumeister setzten Materialien gezielt nach deren
Tragfähigkeit und Eigengewicht ein:
, Travertin: Der extrem feste Kalkstein aus den Steinbrüchen von Tivoli bildete das skelettartige
Haupttragwerk der Pfeiler der Außenfassade und der inneren Hauptbögen.
Tuffstein: Der leichtere vulkanische Tuff wurde für die Zwischenmauern und Radialwände genutzt.
Ziegel und Gussbeton: Für die Gewölbedecken und oberen Ränge nutzte man leichten Beton mit
Zuschlagstoffen aus Bimsstein und gebrannten Ziegeln, um das Gesamtgewicht der Konstruktion zu
minimieren.
Eisenklammern: Die Travertinblöcke wurden mörtellos gefügt und mit schätzungsweise 300 Tonnen
schweren Eisen- und Bleiklammern untereinander verankert. Die charakteristischen Löcher in der
Außenfassade stammen aus dem Mittelalter, als diese begehrten Metallverbindungen gewaltsam
herausgebrochen wurden.
Die Fassadengestaltung und Säulenordnungen: Die viergeschossige Außenfassade zeigt eine für die
römische Architektur prägende Überlagerung der klassischen griechischen Säulenordnungen
(Superposition):
Erdgeschoss: 80 Rundbogenarkaden, flankiert von halbfreien Säulen im schlichten toskanischen
(dorischen) Stil.
Zweites Geschoss: 80 Arkaden mit Säulen der ionischen Ordnung.
Drittes Geschoss: 80 Arkaden mit Säulen der dekorativen korinthischen Ordnung. In den
Bogenöffnungen des zweiten und dritten Geschosses standen lebensgroße Marmorstatuen von Göttern
und Helden.
Viertes Geschoss (Attika): Eine geschlossene Wandfläche, gegliedert durch korinthische Pilaster,
durchbrochen von rechteckigen Fenstern und bestückt mit Auskragungen für den Mastaufbau.
Das Velarium (Das Sonnensegel): Um die Zuschauer vor der brennenden Sonne zu schützen, konnte über
der Arena ein riesiges Sonnensegel (Velarium) aufgespannt werden. Dieses aus Segeltuch und Seilen
bestehende System wurde an 240 Holzmasten verankert, die am oberen Rand der Attika befestigt
waren. Die hochkomplexe Bedienung dieses Seilwerks oblag einer Spezialeinheit der römischen
Kriegsflotte, die aus dem Kriegshafen Misenum nach Rom abkommandiert war.
Kapitel 3: Das Hypogäum – Die Unterwelt der Arena
Die eigentliche Kampffläche (Arena, abgeleitet vom lateinischen Wort für den Sand, mit dem der
Holzfußboden bedeckt war) maß 86 mal 54 Meter. Unter diesem Holzfußboden befand sich das von
Kaiser Domitian in Auftrag gegebene Hypogäum – ein zweigeschossiges, hochkomplexes unterirdisches
Tunnelsystem.
Infrastruktur und Mechanik: Das Hypogäum bestand aus parallelen Korridoren, Käfiganlagen,
Munitionsräumen und Vorbereitungsräumen für Gladiatoren und Tiere. Durch ein ausgeklügeltes
Reiches
Kapitel 1: Einleitung, Nomenklatur und politischer Kontext
Das Kolosseum im Zentrum Roms – antikal als Amphitheatrum Flavium bekannt – ist der größte
geschlossene Bau der römischen Antike und das größte je errichtete Amphitheater der Welt. Als
Meisterwerk der antiken Ingenieur- und Architekturkunst symbolisiert der Bau sowohl die funktionale
Dynamik der römischen Massenkultur als auch die politische Repräsentationsmacht des Römischen
Kaiserreichs.
Der Bau der Arena geht auf die Initiative von Kaiser Vespasian zurück, dem Begründer der Flavier-
Dynastie. Nach den blutigen Wirren des Vierkaiserjahres 69 n. Chr. und der Tyrannei Neros benötigte
das neue Herrscherhaus ein wirkungsvolles Propagandaprojekt zur Stabilisierung seiner Legitimität.
Vespasian wählte dafür ein Areal mit hoher symbolischer Bedeutung: Das Sumpftal zwischen den Hügeln
Esquilin, Caelius und Palatin, auf dem Nero zuvor den künstlichen See seiner prunkvollen Residenz
Domus Aurea hatte anlegen lassen. Durch die Trockenlegung des Sees und die Errichtung eines
öffentlichen Vergnügungsbauwerks gab Vespasian der römischen Bevölkerung das von Nero
beanspruchte Land demonstrativ zurück.
Die Bauarbeiten begannen um 70–72 n. Chr. Die Einweihung erfolgte im Jahr 80 n. Chr. unter Vespasians
Sohn und Nachfolger Titus mit spektakulären, hundert Tage andauernden Spielen. Die endgültige
Fertigstellung und Erweiterung (insbesondere des Hypogäums und der obersten Sitzreihen) vollendete
Vespasians zweiter Sohn, Kaiser Domitian, um 82 n. Chr.
Der Name Amphitheatrum Flavium verwies auf die herrschende Dynastie. Die heute gebräuchliche
Bezeichnung „Kolosseum“ (Colosseum) setzte sich erst im Frühmittelalter (ab dem 8. Jahrhundert)
durch. Sie leitet sich nicht von den Ausmaßen des Bauwerks selbst ab, sondern von der Kolossalstatue
Neros (Colossus Neronis), einer über 30 Meter hohen Bronzestatue, die von Nero nahe der Stelle des
späteren Amphitheaters errichtet und unter nachfolgenden Kaisern in eine Sonnengott-Statue
umgewandelt worden war.
Kapitel 2: Architektur, Statik und Materialwissenschaften
Das Kolosseum ist eine architektonische Glanzleistung, die klassische Ästhetik mit hochentwickelter
Massenlogistik und Materialökonomie vereinte.
Geometrie und Dimensionen: Das Bauwerk steht auf einem gewaltigen, elliptischen Grundriss mit einer
Hauptachse von 188 Metern und einer Nebenachse von 156 Metern. Der Umfang der Außenfassade
beträgt 527 Meter, während die ursprüngliche Höhe des Außenrings knapp 48,5 Meter erreichte. Das
Baufeld ruht auf einem bis zu 13 Meter tiefen Ringfundament aus massivem Gussbeton (Opus
caementicium).
Materialdifferenzierung nach Statik: Die römischen Baumeister setzten Materialien gezielt nach deren
Tragfähigkeit und Eigengewicht ein:
, Travertin: Der extrem feste Kalkstein aus den Steinbrüchen von Tivoli bildete das skelettartige
Haupttragwerk der Pfeiler der Außenfassade und der inneren Hauptbögen.
Tuffstein: Der leichtere vulkanische Tuff wurde für die Zwischenmauern und Radialwände genutzt.
Ziegel und Gussbeton: Für die Gewölbedecken und oberen Ränge nutzte man leichten Beton mit
Zuschlagstoffen aus Bimsstein und gebrannten Ziegeln, um das Gesamtgewicht der Konstruktion zu
minimieren.
Eisenklammern: Die Travertinblöcke wurden mörtellos gefügt und mit schätzungsweise 300 Tonnen
schweren Eisen- und Bleiklammern untereinander verankert. Die charakteristischen Löcher in der
Außenfassade stammen aus dem Mittelalter, als diese begehrten Metallverbindungen gewaltsam
herausgebrochen wurden.
Die Fassadengestaltung und Säulenordnungen: Die viergeschossige Außenfassade zeigt eine für die
römische Architektur prägende Überlagerung der klassischen griechischen Säulenordnungen
(Superposition):
Erdgeschoss: 80 Rundbogenarkaden, flankiert von halbfreien Säulen im schlichten toskanischen
(dorischen) Stil.
Zweites Geschoss: 80 Arkaden mit Säulen der ionischen Ordnung.
Drittes Geschoss: 80 Arkaden mit Säulen der dekorativen korinthischen Ordnung. In den
Bogenöffnungen des zweiten und dritten Geschosses standen lebensgroße Marmorstatuen von Göttern
und Helden.
Viertes Geschoss (Attika): Eine geschlossene Wandfläche, gegliedert durch korinthische Pilaster,
durchbrochen von rechteckigen Fenstern und bestückt mit Auskragungen für den Mastaufbau.
Das Velarium (Das Sonnensegel): Um die Zuschauer vor der brennenden Sonne zu schützen, konnte über
der Arena ein riesiges Sonnensegel (Velarium) aufgespannt werden. Dieses aus Segeltuch und Seilen
bestehende System wurde an 240 Holzmasten verankert, die am oberen Rand der Attika befestigt
waren. Die hochkomplexe Bedienung dieses Seilwerks oblag einer Spezialeinheit der römischen
Kriegsflotte, die aus dem Kriegshafen Misenum nach Rom abkommandiert war.
Kapitel 3: Das Hypogäum – Die Unterwelt der Arena
Die eigentliche Kampffläche (Arena, abgeleitet vom lateinischen Wort für den Sand, mit dem der
Holzfußboden bedeckt war) maß 86 mal 54 Meter. Unter diesem Holzfußboden befand sich das von
Kaiser Domitian in Auftrag gegebene Hypogäum – ein zweigeschossiges, hochkomplexes unterirdisches
Tunnelsystem.
Infrastruktur und Mechanik: Das Hypogäum bestand aus parallelen Korridoren, Käfiganlagen,
Munitionsräumen und Vorbereitungsräumen für Gladiatoren und Tiere. Durch ein ausgeklügeltes