Der Verlorene
Autor: Hans-Ulrich Treichel | Erschienen: 1998 | Verlag: Suhrkamp Verlag | Ort: Frankfurt a. M. (zitiert nach
der Ausgabe von 2020)
Die Erzählung schildert aus der Perspektive eines namenlosen Ich-Erzählers, wie seine Familie in der
Nachkriegszeit von der verzweifelten Suche nach seinem auf der Flucht verlorengegangenen älteren Bruder
geprägt ist. Auf distanzierte, oft ironische Weise verarbeitet Treichel die Traumata der Vertriebenen und die
Identitätskrise des überlebenden zweiten Sohnes. Der Titel spielt zugleich auf das biblische Gleichnis vom
verlorenen Sohn an.
Inhaltsverzeichnis
– Übersicht
Handlung
– Abschnitt 1
– Abschnitt 2
– Abschnitt 3
– Abschnitt 4
– Aufbau
Charakterisierungen
– Ich-Erzähler
– Mutter
– Vater
– Arnold
– Herr Rudolph
Stil
– Sprache
– Stilmittel
– Erzählweise
Kontext
– Epoche
– Autor
– Geschichtlicher Hintergrund
– Rezeption
– Motive
Interpretation
– Verdrängung
– Schuld und Scham
– Trauma
– Bedrohung der Identität
– Kriegserinnerung
– Ouvertüre
– Begegnung mit dem Findelkind
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,Übersicht
Der Verlorene ist eine Erzählung von Hans-Ulrich Treichel, die im Jahr 1998 erschienen ist. Der Roman handelt
vom Schicksal einer Familie zur Nachkriegszeit. Darin erzählt ein namenloser Ich-Erzähler wie er in seiner
Kindheit die verzweifelte Suche seiner Eltern nach dem auf der Flucht verlorengegangenen Erstgeborenen
erlebte, die den Alltag bestimmte.
Auf eine distanzierte und ironische Art und Weise verarbeitete der Autor in seinem Werk die psychischen
Auswirkungen der Flucht aus den Ostgebieten und die Traumata der Vertriebenen sowie die Identitätskrise des
zweiten Sohnes in Folge der Brudersuche.
Schon der Titel Der Verlorene lässt einen Bezug auf das biblische Gleichnis vom verlorenen Sohn zu, das auch
im Werk mehrfach aufgegriffen wird. Außerdem lassen sich viele autobiografische Züge in der Erzählung
finden.
Handlung
Abschnitt 1
Die Erzählung Der Verlorene ist nicht in Kapitel unterteilt. Lediglich in vier formale Abschnitte hat der Autor
sein Werk gegliedert. Diese lassen sich jeweils inhaltlich in kleinere Sinnabschnitte zusammenfassen.
Der erste Abschnitt ist mit nur fünf Seiten der kürzeste im Buch. Er führt als eine Art Einleitung den Leser an
die Handlung heran.
Das Fotoalbum
Infos
Seite: 7 - 10
Zeit: ca. Anfang der 50er Jahre
Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
Ein Ich-Erzähler berichtet, wie er als Kind mit seiner Mutter die Fotos im Familienalbum anschauen
musste
Hauptaugenmerk lag dabei auf den Babyfotos seines älteren Bruders Arnold, der nach dem Vater
benannt war und im Osten geboren wurde
Obwohl damals noch Krieg herrschte, wurde Arnold als fröhliches Kind auf einer Wolldecke abgelichtet
und fand damit ganz vorne seinen Platz im Fotoalbum
Wann immer die Mutter über das letzte Kriegsjahr mit Arnold sprach, begann sie zu weinen Der Ich-
Erzähler beneidete Arnold um seine Freude und den prominenten Platz im Album
Er beschreibt, dass von ihm nur wenige Fotos existierten und er darauf meist nur abgeschnitten oder
verdeckt zu sehen war
Sich damit abzufinden, fiel dem Erzähler schwer, da er immer wieder miterleben musste, wie seine
Mutter über seine Fotos hinwegging, aber Arnolds Fotos stundenlang betrachtete
Der verhungerte Bruder
Infos
Seite: 10 -12
Zeit: ca. Anfang der 50er Jahre
2
, Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
Der Erzähler erinnert sich, dass er als kleines Kind nicht nachgefragt hat, warum seine Mutter bei
Arnolds Fotos weinte
Auch die Tatsache, dass er Arnold nie getroffen hat, irritierte ihn in jungen Jahren nur beiläufig Irgendwann
erklärte die Mutter ihm, dass Arnold auf der Flucht vor den russischen Soldaten verhungert sei Nähere
Nachfragen, warum auf dem Treck vom Osten in den Westen keiner dem Kind helfen konnte, beantwortete die
Mutter nicht Der Erzähler konnte nach dieser Info besser mit den Fotos im Album umgehen, trauerte um Arnold
und war sogar stolz darauf, einen toten Bruder zu haben
Abschnitt 2
Der zweite Abschnitt (S. 12 - 73) handelt davon, dass der Ich-Erzähler von seinen Eltern die Wahrheit über
seinen toten Bruder erfährt und plötzlich in die Suche nach dem verschwundenen Jungen verwickelt wird.
Die Aussprache
Infos
Seite: 12 - 17
Zeit: ca. Mitte der 50er Jahre
Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
Der Ich-Erzähler berichtet, dass er als Jugendlicher von seiner Mutter plötzlich zu einer Aussprache
gebeten wurde, die alles veränderte. Arnold war danach nicht mehr sein Freund
Die Mutter erzählte ihrem Sohn, dass Arnold nicht tot ist, sondern auf der Flucht verlorengegangen war
Der Erzähler hörte enttäuscht und irritiert zu
Auf der Flucht sei bei einem kleinen Dorf westlich von Konin etwas Schreckliches passiert, als etwa
dreißig russische Soldaten die Familie überraschten; aus Angst habe die Mutter ihr Kind einer fremden
Frau in die Arme gelegt, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln
Weil die Mutter weinte, versuchte der Erzähler sie zu trösten und sagte ihr, dass sie immerhin Arnolds
Leben gerettet habe
Die Mutter wiegelte ab, dass Arnold nie in Gefahr gewesen sei und die Russen nur ihr etwas
Schreckliches angetan hätten
Als die Mutter damit endete, dass Arnold noch lebt und einen fremden Namen trägt, reagierte der
Erzähler wütend; er realisierte, dass Arnold die Hauptrolle in der Familie spielte
Schuld und Scham
Infos
Seite: 17 - 32
Zeit: ca. Mitte der 50er Jahre
Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
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, Der Erzähler berichtet, dass er sein Leben lang von Schuld und Scham gequält wurde, ohne zu wissen,
warum; selbst bei alltäglichen Dingen wie dem Essen fühlte er sich schuldig und schämte sich
dafür, dass er aß
Auch die Atmosphäre in der Familie war immer von Schuld und Scham getrübt; gegen die
sonntäglichen Ausflüge mit seinen Eltern entwickelte der Erzähler daher bald eine so große Abneigung,
dass er sich weigerte mitzufahren und eine Reisekrankheit entwickelte, bei der er erbrechen musste
Die Strafe Hausarrest beschreibt der Erzähler als schönste Kindheitserinnerung, da er sich ohne seine
Eltern glücklich und frei gefühlt hat
Mit der Zeit aber fühlte er sich verlassen, langweilte sich beim Autos beobachten und fürchtete beim
Hören eines russischen Radiosenders, dass über das Schicksal seiner Familie gesprochen wird Da der
Vater immer erfolgreicher wurde, konnte sich die Familie einen Fernseher leisten; der Vater erlaubte nur
selten, dass der Fernseher eingeschaltet werden durfte und erteilte immer dann seinem Sohn Befehle
Nur wenn die Tante zu Besuch war, die den Fernseher verteufelte, aber doch nicht widerstehen konnte,
schaute auch der Vater aus Belustigung darüber Fernsehen; in dieser Situation aber schämte sich der
Erzähler beim Zuschauen, weil er sich beobachtet fühlte
Auch wenn er mit seiner Mutter schaute, fühlte sich der Erzähler schuldig wegen der Intimität; der
Mutter schien es ähnlich zu gehen, da sie immer in die Arbeit flüchtete, um sich nicht schuldig zu fühlen
für ihr normales Leben nach Arnolds Verlust
Aufstieg des Vaters
Infos
Seite: 32 - 48
Zeit: ca. Mitte der 50er Jahre
Ort: Stadt in Ostwestfalen
Inhalt
Der Vater arbeitete hart; er hatte anfangs eine Leihbücherei, dann einen Lebensmittelladen und später
einen Fleischgroßhandel
Der frühere Bauer nutzte seine Kontakte geschickt und baute sich einen großen Kundenkreis auf, indem
er immer ein Ohr für die Sorgen der Lebensmittelhändler hatte
Der Erzähler erinnert sich, dass er den Vater auf Kundenbesuchen begleitet hat und sich die Sorgen über
verderbliche Waren und Gesundheitsprobleme angehört hat; daraufhin verband er mit frischen
Lebensmitteln bis ins Erwachsenenalter eine Traurigkeit
Seinen Vater aber stimmten die verderblichen Wurstwaren immer heiter, da sie ihn an seine
Vergangenheit auf dem Bauernhof und die Schlachttiere erinnerten
Eine wichtige Tradition bei der Familie war das Schweinekopfessen; der Vater zelebrierte es, wenn er
mit einem frischen Schweinekopf nach Hause kam, lobte das Aussehen und das Lebenskraft spendende
Schweineblut
Der Erzähler berichtet, dass er oftmals das frische Blut beim Bauern abholen musste und sich vor dem
Anblick der Blutfontäne versteckte
Zum Leidwesen des Erzählers kochte die Mutter aus den Schweineköpfen so viele Mahlzeiten, dass es
beinahe das ganze Jahr über davon zu essen gab
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