Der Prozess
Autor: Franz Kafka | Erschienen: 1925 (postum, herausgegeben von Max Brod; entstanden 1914/15) | Verlag:
SchulLV | Ort: Karlsruhe (zitiert nach der Ausgabe von 2021)
Der Roman schildert, wie der Bankprokurist Josef K. eines Morgens ohne ersichtlichen Grund verhaftet wird
und sich fortan einem undurchschaubaren, labyrinthischen Gerichtsapparat ausgeliefert sieht. Zwischen
Schuldgefühlen, vergeblichen Versuchen der Gegenwehr und der berühmten Türhüterlegende entfaltet Kafka
eine beklemmende Parabel über Macht, Recht und die Ohnmacht des Einzelnen. Das als Fragment hinterlassene
Werk endet mit K.s Hinrichtung.
Inhaltsverzeichnis
– Entstehung und Einordnung
Inhalt
– 1. Kapitel
– 2. Kapitel
– 3. Kapitel
– 4. Kapitel
– 5. Kapitel
– 6. Kapitel
– 7. Kapitel
– 8. Kapitel
– 9. Kapitel
– 10. Kapitel
Figuren
– Josef K.
– Onkel K.
– Advokat Huld
– Kaufmann Block
– Gerichtsmaler Titorelli
Die Frauenfiguren
– Einführung
– Fräulein Bürstner
– Frau des Gerichtsdieners
– Leni
– Struktur
– Sprache und Stil
– Erzählperspektive
Interpretation
– Einführung
– Das Gericht
– Die Türhüterparabel
– Verschiedene Interpretationen
– Rezeption
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,Entstehung und Einordnung
Hier geht's zur Lektüre
Zitiergrundlage: Kapitel = Kap., Zeilen = Z.
Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines
Morgens verhaftet.
Wohl kaum ein anderer Romananfang brennt sich so nachhaltig ins Gedächtnis des Lesers wie der zu Kafkas
Prozess;. Wäre es nach seinem Verfasser gegangen, hätte das Werk jedoch erst gar nicht veröffentlicht werden
dürfen - Kafka starb 1924 an Tuberkulose und hatte für den Todesfall verfügt, seine unveröffentlichten Texte
mitsamt den fragmentarischen Romanen zu verbrennen. Einen Teil seines Werkes hatte Kafka bereits selbst
vernichtet. Zum Glück für die Nachwelt war das Romanfragment „Der Proceß“ nicht unter diesen Werken.
Franz Kafka war zeit seines Lebens von starken Selbstzweifeln und Bindungsunfähigkeit geplant. Im Sommer
1914 wurde die Verlobung mit Felice Bauer aufgelöst, was für ihn mit dem Gefühl des Angeklagtseins
verbunden war. Die abschließende Aussprache mit Freunden erlebte Kafka als „Gerichtshof“, woraufhin er mit
der Abfassung des Romans Der Prozess begann. In die gleiche Zeit fällt auch die Julikrise und der Ausbruch des
Ersten Weltkriegs. Kafka lebte in Prag, das zur Donaumonarchie Österreich-Ungarn gehörte, einem
Vielvölkerstaat und zentralen Schauplatz des sich Abb. 1: Franz Kafka, 1923. entfesselnden Krieges. Insgesamt
arbeitete Kafka von August 1914 bis Januar 1915 an seinem Roman, wobei Der Prozess ein Fragment bleiben
sollte.
Der Autor selbst bezeichnete seine Schöpfung als „künstlerisch misslungen“ und zweifellos wäre das Buch der
Vernichtung anheim gefallen, wäre nicht Max Brod gewesen. Brod stammte ebenfalls aus Prag, war wie Kafka
jüdisch und stammte aus einer gehobenen und kultivierten Bürgerschicht. Die beiden Männer freundeten sich an
und so wurde Brod Kafkas Mentor und nicht zuletzt dessen Nachlassverwalter.
Anders als sein Freund war Brod der Überzeugung, dass es sich bei Dem Prozess um Kafkas „größtes Werk“
handelte, sodass er den Fragment gebliebenen Roman 1925 veröffentlichte, also bereits ein Jahr nach Kafkas
Tod. Diese Publikation gegen den ausdrücklichen Willen blieb nicht unumstritten, doch sollte Brod mit seinem
Gefühl Recht behalten. In den 1930er-Jahren wurde das Buch in mehrere Sprachen übersetzt und auch im
deutschsprachigen Raum fand Kafka nach dem Ende der Naziherrschaft größte Beachtung. Heute zählt Der
Prozess zu den wichtigsten Romanen des 20. Jahrhunderts und zweifellos zur Weltliteratur.
Der Prozess und auch Kafkas Werk insgesamt entziehen sich einer eindeutigen Klassifizierung, etwa als
expressionistisch oder surrealistisch. Am treffendsten ist wohl die Bezeichnung „kafkaesk“, die je nach
Gebrauch scharf oder unscharf ist. Laut Duden bedeutet „kafkaesk“ so viel wie „auf unergründliche Weise
unheimlich, bedrohlich“, doch verweist der Begriff bereits auf etwas Eigenes. So wenig wie wir Kafka und sein
Werk einer bestimmten literarischen Strömung zuordnen können, so schwer ist es gleichfalls, dem Prozess einen
eindeutigen Sinn zuzuschreiben. So gilt die Aussage Abb. 2: Erstausgabe von Der des Kaplans über die
Türhüteregende auch für den Prozess. Roman als solchen:
Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.
Wie wir sehen werden, steht die Türhüterlegende überhaupt in vielerlei Hinsicht sinnbildlich für das
Romanganze: Romanwelt und Legende sind rätselhaft und für den Leser undurchdringlich, undurchschaubar.
Alles folgt einer eigenwilligen Logik und die Lektüre des Romans lässt den Leser genauso ratlos zurück wie die
Türhüterlegende Josef K. nur mehr verunsichert.
Trotz allem können einige Dinge festgehalten werden. Im Proceß tauchen bestimmte Themen und Motive
immer wieder auf:
Schuld, Gericht und Strafe, dazu undurchsichtige Behörden, labyrinthische Lebensverhältnisse;
ausgeliefert sein an unbekannte, anonyme Mächte
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, Sexualität und Triebhaftigkeit
Macht und Ohnmacht bzw. Einengung durch das Gericht
Menschliche Grunderfahrungen wie Freiheit, Hoffnung, Angst und Tod
Weil der eindeutige Sinnzusammenhang des Romans offen bleibt, gibt es unvorstellbar viele
Interpretationsansätze zum Roman. Um bei der Vielfalt nicht den Überblick zu verlieren, empfehlen wir dir
folgende Vorgehensweise:
Inhalt
1. Kapitel
Verhaftung / Gespräch mit Frau Grubach / Dann Fräulein Bürstner Am Morgen seines 30. Geburtstages wird
Josef K. von zwei Beamten verhaftet, die sich selbst als „Wächter“ bezeichnen. Dabei erfährt er nicht einmal,
was ihm zur Last gelegt wird, denn die beiden Beamten sind „nicht dazu bestellt“, ihm das zu sagen (Z. 57). Das
Verfahren sei eingeleitet und K. werde alles zur rechten Zeit erfahren.
Während die Wächter, genannt Franz und Willem, im Nebenzimmer das eigentlich für K. bestimmte Frühstück
verspeisen, sucht dieser seine Legitimationspapiere, um das vermutete Missverständnis aufzuklären. Seinerseits
verlangt er von den Wächtern, den Haftbefehl zu sehen. Allerdings bleibt K. erfolglos; die Wächter geben
lediglich zu verstehen, dass sie niedrige Angestellte im Dienste hoher Behörden seien, welche die Gründe der
Verhaftung und die Person des Verhafteten gut kennten. Sie selbst seien nur mit den niedrigsten Graden jener
Behörde vertraut, die von der Schuld angezogen werde und ihre Wächter ausschicke: „Das ist Gesetz. Wo gäbe
es da einen Irrtum?“ (Z. 160 f.) K. kennt dieses Gesetz nicht, behauptet aber, unschuldig zu sein. Selbst eine
vergleichsweise hohe Stellung bei einer Bank innehabend, verlangt es K., mit einem „ebenbürtigen Menschen“
zu sprechen statt auf das „Geschwätz dieser niedrigsten Organe“ zu hören (Z. 170).
Tatsächlich wird er kurz darauf von einem gewissen Aufseher gerufen, der ihn im Zimmer seiner Nachbarin,
Frau Bürstner, in Empfang nimmt. Dort hat er den Nachttisch als Verhandlungstisch aufgebaut und widmet
seine Aufmerksamkeit verschiedenen Gegenständen, während er mit K. spricht. Neben dem Aufseher und K.
befinden sich noch drei junge Leute im Raum, die Fotografien von Frau Bürstner betrachten. K. gibt sich von
der Situation „überrascht, aber [...] keineswegs sehr überrascht“, schätzt sie nicht für bedeutend ein (Z. 284). Er
stellt fest, dass er angeklagt ist, kann an sich jedoch keine Schuld entdecken - während das Gericht aber
angeblich die Schuld nicht sucht, sondern „von der Schuld angezogen“ wird (Z. 159 f.). Wichtiger noch als die
Frage, wessen er angeklagt ist, scheint ihm die Frage, wer ihn anklagt. Jedoch kann ihm der Aufseher nicht
einmal bestätigen, dass er angeklagt ist. Fest stehe nur, dass er verhaftet sei - mehr wisse er nicht. Auf die für
ihn sinnlose Situation reagiert K. zunehmend unwirsch, auch die Zuschauer am gegenüberliegenden Fenster
stören ihn. Durch einen Händedruck will er die ganze Sache auf sich beruhen lassen, worauf der Aufseher nicht
eingeht. Es bleibt bei der Verhaftung und K. wird freigestellt, nun seiner Arbeit in der Bank nachzugehen. Die
Verhaftung nämlich solle ihn nicht daran hindern, seinem Beruf nachzugehen. So, stellt K. fest, sei das
Verhaftetsein nicht sehr schlimm (vgl. Z. 205 ff.). K. fühlt sich zwar überrumpelt, nimmt die Verhaftung jedoch
nicht ernst.
Erst jetzt stellt er zu seiner Überraschung fest, dass die drei jungen Herren seine Kollegen aus der Bank sind,
Rabensteiner, Kullich und Kaminer. K. lässt ein Auto kommen, um sich nicht noch später zur Arbeit zu
kommen. Gemeinsam mit seinen Kollegen fährt er zur Bank, wobei ihm entgeht, wie die Wächter und der
Aufseher weggehen.
Durch seine Verhaftung wird K. in seinem regelmäßigen Tagesablauf gestört. Statt sich wie sonst zum
Stammtisch zu begeben, mit dem Bankdirektor zu Abend zu essen oder ein Mädchen namens Elsa zu besuchen,
will K. einfach nachhause gehen. Während der Arbeit hat er seine drei Kollegen mehrmals in sein Büro berufen,
nur um sie zu beobachten. Zuhause angekommen, sucht er das Gespräch mit Frau Grubach, seiner Vermieterin.
Er möchte sich für die Unannehmlichkeiten des Morgens entschuldigen, woraufhin sie auf K.s Verhaftung zu
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, sprechen kommen. Frau Grubach meint, dass K. nicht wie ein Dieb verhaftet sei, sondern dass es sich um
„etwas Gelehrtes“ handle, das sie weder verstehe noch verstehen müsse (Z. 539 ff.). K. entgegnet ihr, dass er die
Sache nicht als etwas Gelehrtes, sondern als unwichtig ansieht: Hätte er sich nicht überrumpeln lassen, „es wäre
nichts weiter geschehen“ (Z. 551). In der Überzeugung, die Sache sei vorüber, will er seiner Vermieterin die
Hand reichen, um die Übereinstimmung per Handschlag zu bekräftigen. Ohne den Handschlag anzunehmen,
bricht Frau Grubach in Tränen aus und bittet K., es nicht so schwer zu nehmen. So muss K. sich eingestehen,
dass sie ihn nicht verstanden hat. Weil das Gespräch mit dem Aufseher im Zimmer von Frau Bürstner
stattgefunden hat, fragt K. auch nach ihr. Allerdings ist die andere Mieterin noch nicht zuhause und als Frau
Grubach ihr unsittliches Verhalten vorwirft, gerät K. in Rage (vgl. Z. 602-608).
Nunmehr in seinem Zimmer auf Fräulein Bürstner wartend, überlegt er sogar, sein Zimmer in der Pension zu
kündigen, entscheidet sich jedoch letztlich dagegen. Ohne eigentlich zu wissen, warum, will er Fräulein
Bürstner abpassen und ist durch ihr spätes Kommen gereizt. Er gibt ihr die Schuld dafür, nicht zu Abend
gegessen und Elsa nicht besucht zu haben. Als sie spät nachts doch erscheint, spricht K. sie durch den Türspalt
an und begleitet sie in ihr Zimmer. Er entschuldigt sich dafür, dass eine Untersuchungskommission ihr Zimmer
während ihrer Abwesenheit in Beschlag genommen hat und erkundigt sich, ob sie ihn für schuldlos halte. Ohne
sich festlegen zu wollen antwortet sie ihm, dass er doch frei sei und also kein schweres Verbrechen begangen
haben könne. Sie gibt zu verstehen, dass sie im kommenden Monat als Kanzleikraft bei einem Anwalt anfangen
werde und bietet K. ihre Hilfe an. Dieser findet die Sache jedoch zu klein, um einen Anwalt heranzuziehen,
„aber einen Ratgeber könnte [er] gut brauchen.“ (Z. 729 f.)
Von Fräulein Bürstners lasziver Haltung fasziniert, will K. die Szene vom Morgen nachstellen und lässt sich
von seinem eigenen Vortrag gefangennehmen. Dabei wird er so laut, dass der Hauptmann, ein Neffe von Frau
Grubach, aus dem Nebenzimmer klopft. Um das erschrockene Fräulein Bürstner zu beruhigen, küsst K. es auf
die Stirn. Ihr spätes Beisammensein werde keine Probleme mit sich führen, da ihn Frau Grubach verehre und
von ihm abhängig sei - er habe ihr eine größere Geldsumme geliehen (Z. 800 f.). Als das Fräulein darum bittet,
nun allein gelassen zu werden, küsst K. es „auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges
Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt.“ (Z. 835 ff.) Vor dem Einschlafen
reflektiert er sein Verhalten und ist zufrieden damit.
2. Kapitel
2. Kapitel: Erste Untersuchung K. wird am Telefon dazu aufgefordert, am kommenden Sonntag zu einer
Untersuchung zu seinem Prozess zu erscheinen. Diese Untersuchungen würden nun regelmäßig stattfinden. Den
Sonntag habe man als Tag gewählt, damit K. seinem Beruf ungestört nachgehen könne. Man nennt K. die
Adresse, wo er erscheinen soll - es handelt sich um ein Haus in einer „entlegenen Vorstadtstraße“ (Z. 22 f.).
Damit die erste auch die letzte Untersuchung sein wird, entschließt sich K., am Sonntag zu erscheinen. Als er
den Hörer auflegt, steht der Direktor- Stellvertreter seiner Bank bei ihm und lädt ihn zu einer sonntäglichen
Segeltour ein. K. gerät dadurch in die Bredouille, weil er sich mit dem Stellvertreter, dem zweithöchsten
Angestellten der Bank und seinem Konkurrenten, bisher nicht gut verstanden hat. K. hält die Einladung für ein
Angebot zur Versöhnung und will den Direktor-Stellvertreter nicht demütigen - dieser zeigt sich von K.s
Absage jedoch nicht enttäuscht. In Gedanken an seinen Prozess versunken, kann K. dem Gespräch mit seinem
Konkurrenten nicht weiter folgen. Da K. nicht weiß, zu welcher Uhrzeit er erscheinen soll, beschließt er,
sonntags um 9 Uhr zu kommen, da Gerichte normalerweise um diese Zeit mit ihrer Arbeit beginnen (Z. 61 f.).
Am Sonntag verschläft K. fast, denn er hat sich in der Nacht zuvor noch lange am Stammtisch vergnügt. Aus
Trotz beschließt K., zum verabredeten Ort zu laufen - er will keine fremde Hilfe in seiner Sache annehmen,
wozu er anscheinend auch Transportmittel wie die Tram rechnet. Außerdem fürchtet er, sich durch „allzugroße
Pünktlichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen“ (Z. 78 f.). Er beeilt sich freilich, um 9 Uhr zu
erscheinen, obwohl er nicht für eine bestimmte Stunde bestellt wurde.
Die Vorstadt ist voller eintöniger und ungepflegter Mietshäuser, die Menschen leben beengt und in ärmlichen
Verhältnissen. Schließlich findet K. das Haus über einen Hof, nachdem er unter vier Treppenaufgängen zufällig
den richtigen ausgewählt hat. Um seine Suche nach der Untersuchungskommission in diesem Mietshaus zu
beschleunigen, fragt K. nach einem gewissen „Tischler Lanz“, den er kurzerhand erfindet (Z. 140 f.), um in die
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