Lernziele
• Definitionen des Erziehungsbegriffs in ihren Grundzügen
- Brezinka (1999): „Unter Erziehung werden soziale Handlungen verstanden, durch die Menschen
versuchen, das Gefüge psychischer Dispositionen anderer Menschen dauerhaft zu verbessern
oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten."
- Kürzere Formulierung:
„Als Erziehung werden Handlungen bezeichnet, durch die Menschen versuchen, die
Persönlichkeit anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht zu fördern.
- Friedrich Fröbel (1782-1852): „Erziehung ist Vorbild und Liebe sonst nichts“
- Hurrelmann 1998: „die Handlungen und Maßnahmen durch die Menschen versuchen, auf die
Persönlichkeitsentwicklung anderer Menschen Einfluss zu nehmen um sie nach bestimmten
Wertmaßstäben zu fördern also die bewussten und geplanten Einflussnahmen“
- Oelkers 2005: Der ständige Versuch Alltag mit Kindern zu deren Nutzen zu gestalten
• Ursachen für Breite und Vielfalt an Konzeptionen des Erziehungsbegriffs
- Keine einheitlich anerkannte Theorie der Erziehung
- Oelkers (1985): Erziehung als Begriff bezieht sich auf kein einheitliches Sein“
- Erziehung hat viele Bedeutungen (Begriff zu breit zu fassen), historisch oft in Verbindung mit
Unterwerfung (religiös, politisch,weltanschaulich), Konnotationen von Fremdbestimmung, in
Umgangssprache
• Mögliche Kriterien anhand sich verschiedene Konzepte von Erziehung systematisieren lassen
- Absichts-Begriff: Intention wichtig
- Wirkungs-Begriff: Erfolg wesentlich
- Deskriptiver Begriffsgebrauch: beschreiben ohne Wertung, Abgrenzung Erziehung von Realität
- Programmatisch-präskriptiv: Wertend, was erreicht werden soll
- Handlungs-Begriff: Erziehung ist Handlung mit Förderabsicht (intentional)
- Geschehens-Begriff: erzieherisches Handeln nur Teilmenge von allen Einflüssen (funktional)
- Prozessbedeutung: Erziehung als Vorgang
- Produktbedeutung: Erziehung als Resultat
• Fragen der Notwendigkeit von Erziehung
- seit Beginn des ‚pädagogischen Jahrhunderts‘ (18. Jahrhundert) pädagogische Anthropologie
als Begründung und Rechtfertigung von Erziehung und Bildung (Oelkers 1994, 195).
- menschliche ‚Natur‘ bedürfe ‚kulturellen Überbaues‘, damit Mensch zum Menschen werde
- Erziehung als humanisierenden Kraft
- ABER: Rousseau; Basisproblem „nicht ‚erzogen‘ werden kann, was sich von Natur aus selbst
entwickelt” (Oelkers 94)
- Lernbedürftigkeit nicht Erziehungsbedürftigkeit (‚Erziehung‘ untrennbar von Normativität)
- Gehlen, Nietzsche, Portmann -> erziehungsbedürftig, erziehbar, erziehungsfähig (biologische,
evolutionäre und philosophische Ansätze)
• Begriff Erziehungsziel definieren und von verwandten Konzepten wie Normen und Werten
abgrenzen
- Brezinka 1991: Wenn man Erziehung als Beeinflussungsversuch auffasst, „durch den man eine
Verbesserung, Vervollkommnung oder Wertsteigerung der Persönlichkeit des Erzogenen
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, erreichen will" (Brezinka, 1991, 561), dann sind Erziehungsziele die durch erzieherische
Handlungen angestrebten Ergebnisse. (Tarnai 2010)
- Brezinka (1995) trifft die Unterscheidung zwischen „Minimalbegriff" und „Norm-
begriff“ des Erziehungsziels. Dies entspricht dem Unterschied zwischen einem individuell
gesetzten, einem „gewollten", und einem allgemein verbindlichen, einem „gesollten“ Ziel.
- Ziele: dienen konkreten Zwecken, praktische Handlungsintentionen, dienen nur für
Untergruppen, unterschiedlich
- Normen: Überzeugungen/Soll-Vorstellungen, die hinter Zielen liegen und sich in längeren
Zeitabschnitten entwickelt haben → gelten für größeren Kulturkreis (z.B. Menschenrechte, Zehn
Gebote, Norm, dass man Wahrheit sagen soll)
- Werte: liegen Normen zugrunde (z.B. Ehrfurcht vor Leben, Wertung, ob etwas gut/schlecht,
richtig/falsch ist)
- Tugenden: zur Versicherung von Werten, Verhaltensweisen
• Verschiedene Legitimationsansätze für Erziehungsziele
- Normative Legitimation: EZ legitimiert durch religiöse/politische Grundüberzeugungen, daraus
Ableitung von Teilzielen, vage “allgemeine” Überzeugungen, unwissenschaftlich
- Verfahrenslegitimation: Entscheidungsverfahren durch Institutionen, formal geregelt,
mehrheitlich anerkannt, formale aber nicht inhaltliche Legitimation, fragwürdige Normen
könnten repliziert werden
- Diskursive Legitimation: herrschaftsfreie Diskussionen und argumentatives Überzeugen zu
ungezwungenem Konsens, Ideal, kommunikative Kompetenzen
Erziehung 2: Erziehung und Sozialisation
• Begriff Sozialisation anhand einschlägiger Literatur definieren
- Durkheim 1907: „Vergesellschaftung des Menschen, Prägung der menschlichen Persönlichkeit
durch gesellschaftliche Bedingungen" → Wie wird Mensch Mitglied der Gesellschaft?
- Sozialisation nach Hurrelmann/Grundmann/Walper 2008: Sozialisation, ist ein Prozess,
durch den in wechselseitiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur
individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte
Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositonen auf persönlicher ebenso wie auf
Kollektiver Ebene entstehen.
- Doppelfunktion nach Tillmann 2006: Zwei Dimensionen: Individuum (handlungsfähig
machen) → Soziales System (über Generationen hinweg funktions- und überlebensfähig
machen)
- Fend 1969:
- affirmative Funktion: Anpassung des Individuums ab gesellschaftliche Rollen und
Verhaltensmuster
- emanzipative Funktion: Entwicklung vol autonomer/gefestigter Persönlichkeit
• Rolle von Schule und Lehrkräften als Einflussfaktoren der Sozialisation
- Institutionsbezogene Perspektive (Niedermacher, Zimmermann 2011): Zwecke,
Funktionsweisen und Effekte von Institutionen im Sozialisationsprozess
- Sekundäre Sozialisationsphase und Sozialisationsinstanz (gewinnt zunehmend an Bedeutung)
- Soziale Kontakte in organisierter Struktur, geplante Impulse von professionellem Personal
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, • Erziehungswissenschaftliche Grundbegriffe Erziehung und Sozialisation anhand geeigneter
Vergleichskategorien gegenüberstellen und abgrenzen(siehe Goodnotes)
- Erziehung Teil von Sozialisation
- Intention vs. Alles
Erziehung 3: Historische Erziehungstheorien
• Rousseaus Erziehungstheorie
- Erziehung zum Menschen, zweitens zum Bürger (Emile als Ideal)
- Aufklärung: Autonomie des Individuums, politische Gleichheit, Glaubensfreiheit
- Entdeckung: Kindheit als Lebensphase, Erziehung nötig
- Natürliche Entwicklung (durch Natur, Dinge, Menschen), nat. Anlagen
- Negative Erziehung (Wachsen lassen, Erfahrungen, fern von Gesellschaft)
- Phasen:
- Kleinkind: Grundbedürfnisse
- Kind (ab 2): Kräftigung, Sinnesorgane, Lernen an Natur, Ausgleich Bedürfnisse/Fähigkeiten
- Knabe (ab 12): Denken, Urteilsvermögen, Handwerk (bis hier negative Erziehung)
- Jugendlicher (ab 15): Gefühle festigen, Vorbereitung Gesellschaft, Kultur, nat. Religion
- Erwachsener (ab 20): Bildungsreisen, Eheschließung
- Freiwillige Bindung an Erzieher, unzertrennlich, Individualität, vom Kinde aus
• Kants Erziehungstheorie
- Kant (1803): „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts als was die
Erziehung aus ihm macht“
- 1784: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu
bedienen … habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
- Kind nicht a priori mit sittlichen Fähigkeiten ausgestattet
- Stufen der Erziehung:
- Disziplinierung: Triebe kontrollieren, Grenzen setzen (z.B. Gesetze)
- Kultivierung: Unterricht, Kulturtechnik (z.B. Lesen)
- Zivilisierung: Soziale Kompetenzen, Anpassung Gesellschaft
- Moralisierung: Sitten und Moral (moralisches Denken lernen), Moral gründet auf Maximen
(kat. Imp. geprüft), Charakterbildung
- Freiheit vs. Zwang (Freiheit nach Kant auch Zwang, durch Erzieher und Maxime)
• Unterschied zwischen „Sozialmachung“ und „Sozialwerdung“
- Erziehung: Sozialmachung
- Sozialisation: Sozialwerdung
- Entkulturation: beide zusammen: Individualität durch Individuation
• Schleiermachers Erziehungsbegriff und Aufgaben von Erziehung
- Erziehung ist die Einwirkung auf den Zögling, um ihn zu einem selbstständigen und freien
Mitglied der Gesellschaft zu machen
- Verbindung von Individualität (Persönlichkeitsentwicklung) und Gemeinschaft (gesellschaftliche
Verantwortung)
- Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Freiheit und sozialer Ordnung
- Erziehung ist ein Wechselspiel zwischen Erzieher und Zögling (aktiv, begleitend, Selbsttätigkeit)
- Erziehung bereitet auf das Leben in der Gesellschaft vor
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