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Vorgeschichte (ca. 1700 - 1814)
Weltpolitische Entwicklungen und Grundlagen (ca. 1700–1814)
• Kolonialexpansion europäischer Mächte (Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal) verändert globale
Machtverhältnisse
• transatlantischer Handel, Sklaverei und Ausbeutung kolonialer Ressourcen als Grundlage des frühmodernen
Welthandels
• wirtschaftliche Globalisierung in ersten Ansätzen, v. a. durch Plantagenwirtschaft und Rohstoffhandel
• wissenschaftliche Revolution und Aufklärung prägen Denken, Bildung, Politik und Naturwissenschaft weltweit
• erste Schritte zur Industrialisierung in Großbritannien (ab ca. 1760), Beginn tiefgreifender ökonomischer und
sozialer Umwälzungen
• Entstehung erster Nationalstaatsideen und wachsender Einfluss des Bürgertums
• zunehmende Vernetzung Europas durch Diplomatie, Allianzen, Kriege und Friedensverträge
Soziale Strukturen im Wandel
Frühe Neuzeit (ca. 1500–1800)
• Bauern: größte Bevölkerungsgruppe, teils frei, teils leibeigen
• Adel: verliert an Macht durch Absolutismus, behält aber Grundbesitz, Hofämter, Steuerprivilegien
• Klerus: verliert seit der Reformation an Einfluss, bleibt aber in katholischen Gebieten mächtig
• Stadtbürgertum:
• Oberschicht: reiche Kaufleute, Bankiers, Universitätsgelehrte
• Mittelschicht: Zunfthandwerker mit städtischen Rechten
• Unterschicht: Gesellen, Tagelöhner, arme Städter
• frühes Bürgertum entsteht: akademisch gebildete Berufe wie Ärzte, Juristen, Beamte, Lehrer
19. Jahrhundert – Industrielle Gesellschaft (ab ca. 1800)
• Großbürgertum: Unternehmer, Fabrikbesitzer, Bankiers, Wirtschaftsführer
• Bildungsbürgertum: Beamte, Lehrer, Professoren, Rechtsanwälte
• Kleinbürgertum: Handwerksmeister, Ladenbesitzer, selbstständige Bauern
• Arbeiterklasse (Proletariat): Fabrikarbeiter, Bergleute, Eisenbahner, meist ohne Besitz
• Landarbeiter/arme Bauern: arbeiten auf fremdem Boden oder als Tagelöhner
• Klassenkampf nach Marx: Gegensatz zwischen Kapitalisten (Besitzende) und Proletariat (Besitzlose)
Aufklärung
• europaweite Ideenbewegung des 17./18. Jahrhunderts, Ursprung in England und Frankreich
• zentrale Werte: Vernunft, Fortschritt, Menschenrechte, Kritik an Kirche, Monarchie und ständischer Ordnung
• bedeutende Philosophen: Locke (Naturrechte), Rousseau (Volkssouveränität), Montesquieu (Gewaltenteilung),
Voltaire (Religionskritik)
• Ziele: bürgerliche Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Bildung für alle, Toleranz, Mitbestimmung
• Aufklärung legt theoretisches Fundament für moderne Demokratie und Verfassungsstaat
• in Deutschland große Wirkung im Bürgertum, besonders über Publizistik, Universitäten und
Bildungseinrichtungen
• bürgerliche Selbstwahrnehmung als Träger von Vernunft und gesellschaftlichem Fortschritt
• langfristige Wirkung: Reformbewegungen, Revolutionen, Nationalstaatsideen
Absolutismus und aufgeklärter Absolutismus
• monarchische Alleinherrschaft mit zentralisierter Verwaltung und stehenden Heeren
• legitimiert durch Gottesgnadentum (z. B. Ludwig XIV.) und repräsentiert durch höfischen Prunk
• Merkantilismus als Wirtschaftssystem: staatliche Kontrolle, Exportüberschüsse, Kolonialhandel
• gesellschaftlich: Stärkung des Adels auf Kosten von Bauern und städtischer Autonomie
• aufgeklärter Absolutismus im 18. Jahrhundert: Reformen „von oben“ im Sinne der Vernunft, aber ohne
Machtbeteiligung der Bevölkerung
• Vertreter: Friedrich II. (Preußen), Joseph II. (Österreich), Katharina II. (Russland)
,Auswirkungen auf Deutschland:
• Schwächung des Reiches, Stärkung der Einzelstaaten und Fürsten
• Einführung moderner Verwaltungsstrukturen in vielen deutschen Territorien
• Förderung von Bildung, Justizreformen, Abschaffung der Folter in manchen Gebieten
• Spannungsverhältnis zwischen Reformbestrebungen und absolutistischer Machtausübung bleibt bestehen
Französische Revolution (1789–1799)
• Ursachen: soziale Ungleichheit, Steuerlasten, Staatsverschuldung, Aufklärung, wirtschaftliche Krise
• Beginn mit Sturm auf die Bastille, Ende der Monarchie, Einführung der Republik
• zentrale Reformen: Menschen- und Bürgerrechte, Abschaffung des Feudalsystems, neue Verfassung
• Radikalisierung: Jakobinerherrschaft, Hinrichtung Ludwigs XVI., Terror
• später Rückkehr zur Ordnung unter dem Direktorium, politische Instabilität
• revolutionäre Ideen verbreiten sich in ganz Europa (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit)
Auswirkungen auf Deutschland:
• Spaltung der Gesellschaft: progressive Bürger begrüßen Reformen, Adel und Kirche leisten Widerstand
• Beginn der Koalitionskriege: deutsche Fürsten kämpfen gegen revolutionäres Frankreich
• revolutionäre Gedanken dringen nach Deutschland und fördern Reformdiskussionen
Napoleonische Zeit (1799–1814)
• Napoleon wird nach Putsch 1799 Konsul, ab 1804 Kaiser der Franzosen
• schafft Verwaltungseffizienz, modernen Rechtsstaat (Code Civil), Schulreformen
• kontrolliert Europa durch Eroberungen, Bündnisse und abhängige Staaten
• wirtschaftlich: Kontinentalsperre gegen Großbritannien, fördert Binnenwirtschaft
• militärischer Höhepunkt: 1805 Austerlitz, 1806 Jena, 1812 Russlandfeldzug scheitert
• 1813/14 Niederlage in den Befreiungskriegen, Abdankung
Auswirkungen auf Deutschland:
• 1806 Auflösung des Heiligen Römischen Reichs durch Franz II.
• Gründung des Rheinbunds mit 16 deutschen Staaten unter französischer Oberhoheit
• weitreichende Reformen in Rheinbundstaaten: Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung von
Zunftschranken, Modernisierung von Verwaltung, Justiz, Militär
• Schwächung von Adel und Kirche, Stärkung des Bürgertums und Förderung der innerstaatlichen Mobilität
• Aufkommen eines deutschen Nationalbewusstseins im Widerstand gegen Frankreich
• Grundlage für spätere Nationalstaatsbewegungen, politische Neuordnung nach 1815
Zeitstrahl der deutschen Geschichte bis zum Wiener Kongress
1701 – Königskrönung in Preußen
• Kurfürst Friedrich III. krönt sich zum „König in Preußen“ (Friedrich I.)
• Preußen wird zu einem eigenständigen Königreich, Aufstieg zur europäischen Großmacht beginnt
1740–1786 – Regierungszeit Friedrichs II. (Friedrich der Große)
• führt aufgeklärten Absolutismus in Preußen ein: Rechtsreformen, Bildungsförderung, Toleranz
• Kriege gegen Österreich (Schlesische Kriege, Siebenjähriger Krieg), territoriale Expansion
• Preußen etabliert sich als militärisch-administratives Vorbild unter den deutschen Staaten
1740–1780 – Maria Theresia in Österreich
• zentrale Reformen: Verwaltung, Bildung, Militär
• Dualismus zwischen Österreich und Preußen wird zur dominierenden Struktur im Reich
1763 – Ende des Siebenjährigen Kriegs
• Preußen behauptet Schlesien gegen Österreich
• Beginn der preußisch-österreichischen Rivalität um die Vormacht im Reich
1770er–1780er – Aufklärung und Frühreformen
• verstärkte Diskussion um Menschenrechte, Rechtsstaat, Wirtschaftsliberalismus
• erste Reformen in kleineren deutschen Staaten (z. B. Baden, Hessen-Darmstadt)
,1789 – Französische Revolution
• revolutionäre Ideen erreichen das Reich: Bürgerrechte, Gleichheit, Nation
• beginnende Polarisierung zwischen Reformern und konservativen Kräften in Deutschland
1792–1797 – Erster Koalitionskrieg gegen Frankreich
• Preußen und Österreich kämpfen gegen revolutionäres Frankreich
1795: Preußen scheidet durch Frieden von Basel aus der Allianz aus
• Beginn des französischen Einflusses auf deutsche Territorien
1797 – Frieden von Campo Formio
• Frankreich erhält linkes Rheinufer
• Säkularisierung und Mediatisierung werden vorbereitet
1803 – Reichsdeputationshauptschluss
• umfassende Neuordnung des Reichsgebiets:
• Säkularisierung kirchlicher Fürstentümer (Enteignung und Verweltlichung kirchlicher Herrschaften)
• Mediatisierung kleiner Herrschaften (Eingliederung kleiner weltlicher Herrschaften in größere Territorialstaaten)
• viele Reichsstädte verlieren Selbstständigkeit
• massive Machtverschiebung zugunsten großer Territorien (z. B. Bayern, Baden, Württemberg)
• Anfang vom Ende der alten Reichsordnung
1804 – Napoleon wird Kaiser der Franzosen
• Frankreich unter Napoleons Kontrolle – Ausdehnung auf Mitteleuropa nimmt zu
1806 – Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRRDN), (seit 962)
• Franz II. legt Krone nieder, Reich wird offiziell aufgelöst
• Gründung des Rheinbunds mit 16 deutschen Staaten unter französischem Einfluss
1806–1813 – Rheinbundzeit und französische Vorherrschaft
• tiefgreifende Reformen in den Rheinbundstaaten (v. a. Bayern, Württemberg, Westfalen)
• Abschaffung der Leibeigenschaft
• Gleichstellung vor dem Gesetz
• Einführung moderner Verwaltungen
• wachsendes Nationalgefühl durch Fremdherrschaft und gemeinsame Feinderfahrung
1807–1813 – Preußische Reformen (Stein und Hardenberg)
• nach Niederlage bei Jena-Auerstedt (1806) beginnt Preußen mit umfassenden Reformen:
• Bauernbefreiung (1807)
• Bildungsreform (Wilhelm von Humboldt)
• Heeresreform (Scharnhorst, Gneisenau)
• Städteordnung (kommunale Selbstverwaltung)
• Ziel: Stärkung des Staates durch Modernisierung
1813 – Völkerschlacht bei Leipzig
• Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege gegen Napoleon
• breites Bündnis europäischer Mächte (Russland, Preußen, Österreich, Schweden) siegt über Frankreich
• Symbol deutscher Selbstbehauptung und nationales Erwachen
1814 – Erste Abdankung Napoleons
• Einzug der Alliierten in Paris
• Napoleon wird auf Elba verbannt
• Beginn der Neuordnung Europas im Rahmen des Wiener Kongresses
1815 – Gründung des Deutschen Bundes (nach dem Wiener Kongress)
• lockerer Staatenbund aus 39 deutschen Einzelstaaten
• Österreich (Fürst Metternich) übernimmt Vorsitz
• keine einheitliche Verfassung, aber Schutz der inneren Ordnung gegen „revolutionäre Bewegungen“
• konservative Restauration prägt politische Ordnung
, Wiener Kongress & Deutscher Bund (1815–1866)
1.1 Der Wiener Kongress (1814–1815)
Teilnehmer & Ziele:
• Großmächte: Österreich (Fürst Metternich), Preußen, Russland, Großbritannien, Frankreich (Talleyrand)
• Ziel: Neuordnung Europas nach Napoleon, Stabilität & Monarchie sichern
Leitprinzipien:
• Restauration: Rückkehr zur politischen Ordnung vor 1789
• Legitimität: Herrschaftsrecht durch Abstammung („Gottesgnadentum“)
• Solidarität: Monarchien sichern sich gegenseitig gegen Revolution
Ergebnisse:
• territoriale Neuordnung:
• Frankreich bleibt Großmacht (Grenzen von 1792)
• Preußen gewinnt Rheinland, Westfalen
• Österreich erhält Gebiete in Norditalien
• Russland erhält Teile Polens
• Großbritannien sichert sich Kolonien & Seeherrschaft
• -> Gleichgewicht der Mächte („Pentarchie“) -> lange Friedensphase
Zitate:
• Gerd Eilers, Veteran aus den Befreiungskriegen, nennt den Ausgang des Kongresses: „Die Nation ist betrogen!“
(G. Eilers, Memoiren, ca. 1815–17) – Ausdruck enttäuschter Nationaler
• Metternich: „Die Französische Revolution ist der Grund allen Übels“ (Metternich, Kongressakten, 1815)
• "Wer kann die Folgen berechnen, wenn eine Masse, wie die deutsche, zu einem einzigen Ganzen gemischt,
aggressiv würde?" (Talleyrand, Gesandter Frankreichs)
• "Die Monarchen werden sich bei jeder Gelegenheit Hilfe und Beistand leisten." (Zar Alexander l.)
1.2 Der Deutsche Bund (1815–1866)
Merkmale & Struktur:
• gegründet durch Deutsche Bundesakte (1815) als Ergebnis des Wiener Kongresses
• Staatenbund von 37 Fürstentümern und 4 freien Städten
• Großmächte wie Österreich & Preußen dominieren, aber auch ausländische Monarchen (z. B. England) mit Besitz
• zentrale Institution: Bundestag in Frankfurt, Vorsitz bei Österreich
Verfassungsrechtliche Grundlagen:
• keine Exekutive, nur beratendes Gremium
• keine gemeinsame Armee, Gesetzgebung, Wirtschaftspolitik
• Versprechen auf „landständische Verfassungen“, aber keine
einheitliche Regelung oder Umsetzung
Wichtige Artikel aus der Bundesakte:
• Art. 2: Ziel ist die „Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit
Deutschlands“ sowie der Souveränität der Einzelstaaten
• Art. 11: Mitglieder garantieren militär. Beistand bei Angriffen
• Art. 13: Landesverfassungen sollen eingeführt werden
• Zitat/Historikerurteil: „Ein fürstlicher Versicherungsverein auf
Gegenseitigkeit zur Erhaltung des politischen und
gesellschaftlichen status quo“ (Reinhard Rürup, Historikerurteil)
• keine nationale Einigung, kein Fortschritt in Richtung Verfassung
oder Freiheit
• Dualismus zwischen Preußen und Österreich von Anfang an spürbar
• Minimalkonsens: gemeinsame Angst vor liberalen & nationalen
Bewegungen, Restaurationsbestrebungen