Das Staatsexamen DaZ besteht aus
- Schriftliche Prüfung
- Mündliche Prüfung "Sprachvermittlung und Lernen in
interkulturellen Kontexten“ (diese Zusammenfassung)
- Mündliche Prüfung "Mehrsprachigkeit"
Diese Zusammenfassung ist für das mündliche Staatsexamen in
DaZ: "Sprachvermittlung und Lernen in interkulturellen Kontexten"
(1. Mündliche Prüfung)
Ausgehend von der oGiziellen prüfungsrelevanten Literatur für die
Prüfung "Sprachvermittlung und Lernen in interkulturellen
Kontexten"
Dauer der beiden mündlichen Prüfungen: jeweils 20 Minuten (vgl.
LPO I, § 43a, Absatz 3, 2.)
- 1) Strukturelle Modelle der Beschulung von Lernenden mit Deutsch als
Zweitsprache
- 2) Didaktische Ansätze des Lehrens und Lernens der Zweitsprache, Vermittlung
von einzelnen sprachlichen Kompetenzen, Alphabetisierung und
Schrift(sprach)erwerb
- 3) Didaktische Konzepte des sprachsensiblen fachlichen Lernens schulform- und
fächerübergreifend
- 4) Umgang mit Fehlern
- 5) Analyse und Reflexion von Lehrwerken und Unterrichtsmaterialien, Einsatz von
(digitalen) Lehr- und Lernmedien
- 6) Konzepte der Mehrsprachigkeitsdidaktik unter besonderer Berücksichtigung
der Language Awareness
- 7) Kulturkritische, inter- bzw. transkulturelle Ansätze im (Literatur-)Unterricht
Zusätzlich habe ich den Lehrplan aufbereitet, um einen besseren Überblick zu
verschaWen.
,1) Strukturelle Modelle der Beschulung von Lernenden mit Deutsch als
Zweitsprache
Die schulische Organisation und Beschulung von Lernenden mit Deutsch als
Zweitsprache (DaZ) lässt sich in vier primäre strukturelle Modelle unterteilen, die sich
im Grad der Separation bzw. Integration unterscheiden.
• Submersives Modell („Sprachbad“):
o Konzept: Schülerinnen und Schüler (SuS) werden ohne spezielle
zusätzliche Sprachförderung direkt in den regulären Klassenunterricht
(„Regelunterricht“) gesetzt. Submersion bedeutet wörtlich
„untertauchen“.
o Merkmale: Der Unterricht findet ausschließlich auf Deutsch statt; es gibt
keinen zusätzlichen DaZ-Unterricht. Das Lernen erfolgt implizit nach dem
Prinzip des „einfach Mitmachens“, was den Mechanismen des
Erstspracherwerbs (L1) ähnelt.
o Vorteile: Ermöglicht eine schnelle soziale Integration, vermeidet
Stigmatisierung oder „Etikettierung“ der Kinder und bietet einen
authentischen Sprachinput.
o Nachteile/Kritik: Führt häufig zur massiven Überforderung der SuS. Das
fachliche Lernen leidet stark darunter. Es besteht eine hohe Gefahr von
Bildungsungerechtigkeit. SuS neigen bei anhaltender Überforderung zum
„kognitiven Abschalten“. In der Fachwissenschaft wird dieses Modell
daher stark kritisch gesehen.
• Separierendes Modell (Vorbereitungsklassen / Willkommensklassen):
o Konzept: Die DaZ-Lernenden werden zunächst vollständig getrennt vom
regulären Fachunterricht in einer eigenen Klasse unterrichtet.
o Merkmale: Der Fokus liegt auf einem intensiven Spracherwerb und der
Vermittlung eines ersten Basis-Wortschatzes, um den Einstieg in das
deutsche Schulsystem vorzubereiten.
o Vorteile: Bietet eine sehr gezielte Förderung in einem an das
Sprachniveau angepassten Lerntempo. Es fungiert als geschützter
„Schutzraum“ für das Lernen von Basics. Zudem erhalten traumatisierte
Kinder Zeit zum Ankommen und zum Heilen von Krankheiten.
o Nachteile: Es findet anfangs keine soziale Integration statt; die
Lernenden haben kaum Kontakt zu deutschen Gleichaltrigen (Peers). Es
besteht die Gefahr der Etablierung von Parallelstrukturen. Zudem
verpassen die Kinder den regulären Fachunterricht, und der Übergang in
, die Regelklasse dauert in der Praxis oft zu lange bzw. gestaltet sich als
sehr schwer.
• Teilintegratives Modell:
o Konzept: Eine Mischform zwischen separierter und integrativer
Beschulung.
o Merkmale: SuS verbringen einen Teil der Zeit im regulären
Klassenunterricht und einen anderen Teil in separaten DaZ-
Fördergruppen. Dies ist ein in der Praxis sehr häufig anzutreffendes
Modell, da es kostengünstig und realistisch umsetzbar ist und erste
Teilhabeerfolge bietet.
o Vorteile: Ermöglicht eine gezielte Sprachförderung und
Binnendifferenzierung bei gleichzeitiger Entlastung des regulären
Fachunterrichts. Das Modell gilt als ressourcenschonend.
o Nachteile: Der Unterrichtsalltag der Kinder wird stark zerstückelt. Es
besteht die Gefahr der Isolation innerhalb der Fördergruppen sowie der
Etikettierung der Kinder. Da sie zeitweise den Raum verlassen, verpassen
sie den Fach- oder Literaturunterricht der Stammklasse. Die Sprache wird
oft isoliert und mit weniger Kontextbezug gelernt.
• Integratives Modell:
o Konzept: Die SuS sind vollständig in den Regelunterricht integriert und
erhalten innerhalb dieses Rahmens eine zusätzliche, integrierte
Sprachförderung (Kombination aus Integration und Förderung /
Sprachsensibles fachliches Lernen).
o Merkmale: Teilnahme am normalen Unterricht, wobei Förderunterricht
direkt im Unterricht stattfindet.
o Vorteile: Gewährleistet eine deutlich bessere soziale Einbindung der
Kinder.
o Nachteile/Herausforderungen: Erfordert einen sehr hohen
Personalaufwand und eine hohe sprachdidaktische Kompetenz der
Lehrkräfte. Die Förderung ist zeitlich oft begrenzt.
o Praxis-Befund: Dieses „Ideal-Modell“ ist in der schulischen Realität
selten so perfekt umgesetzt. Oft differenziert lediglich eine einzige
Lehrkraft (LK) allein im Raum, was zwar formal als integrativ zählt, in der
Praxis jedoch viel weniger effektiv ist.
, Didaktische Weiterentwicklung: Herkunftssprachlicher Unterricht (HSU) & KOALA
(nicht unbedingt Prüfungsrelevant):
o Konzept: HSU und das Konzept KOALA (Koordinierte Alphabetisierung im
Erstschulalter) stellen eine didaktische Weiterentwicklung des
integrativen Modells dar. Alle Sprachen werden im Unterricht gemeinsam
gefördert.
o Merkmale: Es nutzt und bindet die Erstsprache (L1) aktiv ein.
Mehrsprachigkeit (MSH) wird gezielt genutzt und fest mit dem regulären
Unterricht verzahnt. Dies erfordert eine enge Kooperation der Lehrkräfte.
Beide Sprachen werden genutzt, um den kognitiven Transfer einzufordern
und zu nutzen. Das Modell ist extrem aufwändig und bürokratisch schwer
umzusetzen.
o Theoretische Grundlage: Interdependenztheorie nach Cummins (1979).
Diese besagt, dass sprachliche Fähigkeiten auf einer gemeinsamen
kognitiven Basis fußen. Sprachen sind im Gehirn eng verknüpft; ein gut
entwickelter Erstspracherwerb (L1) dient als wertvolle Ressource für ein
schnelleres Lernen der Zweitsprache (L2).
2) Didaktische Ansätze des Lehrens und Lernens der Zweitsprache,
Vermittlung von einzelnen sprachlichen Kompetenzen, Alphabetisierung
und Schrift(sprach)erwerb
Grundlagen und Definitionen des Schriftspracherwerbs (SSE)
• Bedeutung: Schrift- und Lesefähigkeit gelten als fundamentale Voraussetzung
für gesellschaftliche Teilhabe. Der SSE wird von vielen Variablen beeinflusst
(unter anderem von der Ausprägung der Language Awareness).
• Empirischer Befund (Schulte-Bunert, 2022): PISA-Ergebnisse zeigen, dass ein
großer Teil der Jugendlichen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch kaum
eine elementare Lesekompetenz erreicht.
• Didaktische Kernaufgabe: Lehrkräfte müssen im DaZ-Unterricht mehrere
schreib- und schriftsprachliche Kompetenzen gleichzeitig aufbauen.
Kernunterscheidung bei der Alphabetisierung (nach Berhenmeier, 2018):
o Primärer Analphabetismus: Die betroffene Person hat noch keinerlei
Alphabetisierung in irgendeiner Sprache durchlaufen.
o Funktionaler Analphabetismus: Trotz des Besuchs einer Schule reichen
die schriftsprachlichen Voraussetzungen nicht für eine gesellschaftliche
Teilhabe aus.
o Zweitschrifterwerb: Eine Alphabetisierung liegt bereits vor, allerdings in
einem nicht-lateinischen Schriftsystem (z. B. kyrillisch, arabisch).