Teil 1: Diagnostik
1. Evaluation im Bildungsbereich
Unter Evaluation versteht man die systematische Anwendung sozialwissenschaftlicher
Forschungsmethoden zur Beurteilung von sozialen Interventionsprogrammen
(nach Rossi et al., 1999). Im schulischen Kontext dient sie der Reflexion, Steuerung und
kontinuierlichen Verbesserung von Prozessen und Unterrichtsqualität. Sie unterstützt
fundierte pädagogische Entscheidungen.
Formen der Evaluation
• Selbst- vs. Fremdevaluation:
o Selbstevaluation: Wird von den direkt beteiligten Personen (z. B.
Lehrkräfte, Schulleitung) selbst durchgeführt. Der Fokus liegt auf der
eigenen Schule, sie ist kurzfristig angelegt und praktikabel.
o Fremdevaluation: Wird von externen Fachleuten durchgeführt. Die Schule
oder Institution ist hierbei der Gegenstand der Untersuchung, stellt aber
nicht den Durchführenden dar.
• Summative vs. Formative Evaluation (nach Scriven):
o Summative Evaluation: Findet am Ende eines Abschnitts statt und zieht
eine bilanzierende Bilanz (z. B. Abschlussprüfung, Endbericht).
o Formative Evaluation: Findet kontinuierlich währenddessen bzw.
zwischendurch statt und dient der laufenden Steuerung und Optimierung.
• Interne vs. Externe Evaluation: Bezieht sich auf die Durchführung durch Personen
innerhalb der eigenen Institution (z. B. durch den Schulleiter) im Gegensatz zur
Überprüfung durch Instanzen von außen (z. B. durch die Schulaufsicht oder
externe Agenturen).
Gegenstände der Evaluation
Evaluationen können sich auf verschiedene Ebenen des Bildungswesens beziehen:
• Interventionen und Präventionsprogramme
• Vorschulische Erziehung
• Schulischer Unterricht (z. B. das Testen von neuen Medien)
• Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte
Input- vs. Outputorientierte Evaluation
• Inputorientierte Evaluation: Konzentriert sich auf die Ressourcen und die
allgemeinen Rahmenbedingungen des Lehrens und Lernens. Dazu gehören die
, Ausstattung der Schule, die Klassengröße, der Lehrplan, das Budget, die
allgemeine Ressourcenverteilung sowie angebotene Fortbildungen.
• Outputorientierte Evaluation: Konzentriert sich auf die konkreten Ergebnisse und
die tatsächliche Wirkung von Bildungsprozessen. Dazu zählen die erbrachte
Leistung, die individuelle Kompetenzentwicklung, die allgemeine Zufriedenheit
sowie Übertrittsquoten und Schulabschlüsse.
Ablauf einer Evaluation
Der Prozess einer Evaluation folgt einer festen Abfolge von sieben Schritten:
1. Entscheidung über die Durchführung.
2. Konzeptualisierung: Definition der Fragestellung und des Untersuchungsdesigns.
3. Auswahl von Messinstrumenten und Indikatoren.
4. Stichprobenziehung und Datensammlung (Wahl der passenden Datenform für
die Fragestellung).
5. Datenanalyse: Wissenschaftliche Auswertung der erhobenen Daten.
6. Berichterstattung und Präsentation der Ergebnisse.
7. Entscheidung und Empfehlung für Folgemaßnahmen.
Methoden und Probleme
• Methoden: Zum Einsatz kommen primär Fragebögen, Interviews, strukturierte
Beobachtungen, Dokumentenanalysen sowie großflächige Leistungserhebungen
(z. B. PISA).
• Probleme in der Praxis: Häufige Fehlerquellen sind unklare Formulierungen von
Fragen, eine ungeeignete Methodenauswahl, statistische Verzerrungen,
Zeitprobleme sowie das Phänomen der sozialen Erwünschtheit (Schüler
antworten so, wie sie denken, dass es von ihnen gehört werden möchte).
Empirischer Befund (nach Helmke): Die Forschung zur Unterrichtsevaluation zeigt
deutlich, dass sie ein wirksames Instrument zur gezielten Verbesserung der
Unterrichtsqualität ist (beispielsweise durch regelmäßiges Schülerfeedback).
, 2. Bildungsmonitoring
Bildungsmonitoring ist eine langfristige, systemweite Beobachtung und Analyse des
gesamten Bildungssystems. Im Gegensatz zur Evaluation steht hier nicht die einzelne
Schule oder Lehrkraft im Fokus, sondern die Steuerung der Systemebene durch die
Politik und Verwaltung auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene.
Merkmale des Bildungsmonitorings
• Standardisierung: Verwendung fester, wissenschaftlich fundierter Methoden.
• Langfristigkeit: Zyklische und kontinuierliche Durchführung über lange Zeiträume
(Längsschnittcharakter).
• Systembezug: Nicht die Leistung einzelner Personen oder Schulen ist von
Interesse, sondern die Analyse des Gesamtsystems.
• Validität und Transparenz der Ergebnisse für die Öffentlichkeit und Politik.
• Institutionelle Durchführung: Das Monitoring wird von fest verankerten,
unabhängigen Institutionen getragen (z. B. dem IQB auf nationaler Ebene).
• Ziele: Herstellung von Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Schulen,
Regionen und Ländern sowie die Überprüfung der Erreichung von verbindlichen
Bildungsstandards.
Strategien des Bildungsmonitorings
• Internationale Schulleistungsstudien: Große Studien wie PISA (OECD), TIMSS
oder IGLU (IEA) erfassen langfristige Trends und die Qualität von
Bildungsstandards im internationalen Ländervergleich.
• Flächendeckende Vergleichsarbeiten (VERA): Dienen der Überprüfung der
Leistungsfähigkeit von Schulen (z. B. flächendeckend in den Jahrgangsstufen 3, 4
und 8 für alle Klassen und Schüler).
• Orientierungsarbeiten: Werden oft am Ende der 2. Klasse durchgeführt. Sie
dienen als pädagogische Orientierung für die Lehrkraft, sind meist freiwillig und
unterstützen eine unterrichtsnahe Diagnostik.
Nutzen für die Lehrkraft
• Rückmeldung über den tatsächlichen Leistungsstand der eigenen Klasse.
• Anlass zur gezielten Unterrichtsanpassung und fundierten Selbstreflexion.
• Möglichkeit zum objektiven Vergleich mit anderen Schulen.
• Erkennung von individuellem Förderbedarf und gezielter Förderung zur Behebung
von Lernschwierigkeiten.