Vergänglichkeit des Menschen, die Signifikanz des christlichen Glaubens für die menschliche
Seele sowie Jenseitsimaginationen erreichten in dieser Zeit ihren Höhepunkt. Das Jenseits als
Ort der Belohnung und Strafe unternimmt eine Sortierung der Seelen unter Berücksichtigung
ihre Einstellung zum Glauben sowie ihrer irdischen Vergehen. Der persönliche Kontakt zum
Visionär, wie es in der vom Mönchen Marcus Mitte des 12. Jahrhunderts niedergeschriebenen
Visio Tnugdali der Fall ist, wird zur Gewährleistung der Authentizität des Textes herangezogen.
In dieser Schrift wird von einer Jenseitsvision des irischen Ritters Tnugdalus berichtet, welcher
von einem Engel durch die jenseitigen Räume geführt einen Läuterungsprozess durchläuft.
Mittelalterliche Glaubensvorstellungen umfassen die Überzeugung, dass der Grad der
Glaubensstärke und das Verhalten im Diesseits Einfluss auf die Gestaltung des jenseitigen
Lebens haben können.
- Es wurde ein Instrument (Höllenstrafen) eingeführt, mittels dessen der Auftritt von
sündhaftem Verhalten reduziert werden kann.
- Die Art und Intensität der Höllenstrafen ermöglichen Einblicke in die mittelalterlichen
Rechtsvorstellungen (Differenzierung zwischen Art und Schwere des Vergehens). Das
sacrilegium sowie die fehlende Reue werden als besonders schwerwiegende Vergehen
angeführt.
- Marcus und Alber bauen bewusst Szenen ein, welche die Erwartung der Rezipient_innen,
für ein tugendhaftes irdisches Leben im Jenseits belohnt zu werden, zu bestätigen
versuchen.
- Der freie Stuhl unter den Bischöfen trägt eine besondere, auf Glorifikation und Exklusivität
zielende Funktion.
- In Albers Version der Visio Tnugdali setzt sich Tnugdalus im Diesseits für die Befreiung
Cormacs Seele ein, indem er Almosen verteilt.
- Seelgeräte wurden als Antwort auf die Angst vor den Höllenstrafen geschaffen. Mit
Stiftungen und Donationen wurde für das Seelenheil gesorgt.
Die Visio Tnugdali bildet ein exemplarisches Beispiel für die mittelalterliche Faszination
für Grenzüberschreitung sowie deren Konsequenzen für die menschliche (Post-)Existenz.
- Die Gastfreundschaft bildet ein wichtiges Element der irischen Tradition, gegen welche
Tnugdalus verstößt. Diese Szene stellt zugleich den Todesort Tnugdalus‘ dar.
1